Sleeping Beauties

Augsburger sind Motorheads. Die Geburtsstunde des Dieselmotors schlug bei MAN, der Flugzeugbauer Messerschmitt beglückte nach dem Krieg von Augsburg aus die Welt nicht nur mit dem Messerschmitt-Kabinenroller, sondern fertigte bis 1965 rund 75.000 Vespa-Roller in Lizenz des italienischen Piaggio-Konzerns. Das Werk, in dem die Schwabenvespas vom Band rollten, stand dort, wo heute die Airbus-Tochter Premium Aerotech um den Fortbestand ihrer Arbeitsplätze bangt. Und 2012 feierte in Augsburg die altehrwürdige Motorradmarke Horex ihre Wiederauferstehung. Der Plan eines exklusiven Motorrad-Roadsters mit VR6-Motor, von Hand gefertigt in der Fuggerstadt, ging nicht ganz auf. Heute residiert die Horex Motorcycle GmbH in Landsberg am Lech, aber das ist ja fast dasselbe.

Viele Augsburger lieben offenbar auch altes Blech. Vieles davon kann man sehen, zum Beispiel die Wankel-Sammlung des Mazda-Händlers Frey in Oberhausen. Auf manches stößt man aber nur zufällig, zum Beispiel auf diesen VW-Porsche auf einem Hinterhof irgendwo zwischen Hochfeld und Göggingen.

Der Wagen bräuchte dringend etwas Liebe, genauso wie der Alfa Spider, den ich heute in Hochzoll-Süd gesehen habe:

Auch von dem Ford Sierra XR3, der links daneben parkt, dürfte es so viele nicht mehr geben. Wenn man mit wachem Auge durch die Stadt streift, sieht man immer wieder altes Blech im Dornröschenschlaf, zum Beispiel diesen Mercedes 608 mit Möbelkoffer:

Ob es dieser Wagen noch mal auf die Straße schafft? Eher unwahrscheinlich. Immerhin ist der alte Benz besser geparkt als diese Schande des Automobilbaus:

Pest und Cholera

Wir schreiben Tag 8 der „Ausgangsbeschränkungen“, die Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am 20. März angeordnet hat. Ich darf meine Wohnung nur noch mit einem triftigen Grund verlassen. Der Weg zur Arbeit zählt dazu, aber zur Arbeit fahre ich schon seit zwei Wochen nicht mehr. Die Abbuchungen für meine Bahn-Monatskarte laufen weiter – in einem Zug nach München habe ich seit über drei Wochen nicht mehr gesessen. Bevor mein Verlag die Entscheidung traf, uns alle ins Home Office zu schicken, bin ich sicherheitshalber mit dem Auto in die Arbeit gefahren.

Seit acht Tagen, so hat es die Staatsregierung verfügt, brauche ich einen triftigen Grund, das Haus zu verlassen. Und ich nehme das ernst. Ich habe keine besondere Angst, mich mit COVID-19 zu infizieren, doch die Bilder, die und aus Italien erreichen, lassen auch mich nicht los. Ich bin Motorradfahrer, und eigentlich wäre jetzt Saisonbeginn. In Foren diskutieren die Kollegen, ob Motorradfahren eigentlich explizit verboten sei oder ob man nicht doch… Ich fahre im Moment nicht Motorrad, ich will kein schlechtes Vorbild sein. Egal, ob es verboten ist oder nicht.

Ganz offiziell erlaubt ist es, das Haus zu verlassen, um Luft zu schnappen und spazieren zu gehen. Und das tue ich jeden Tag. Bei schönem Wetter einmal um den Kuhsee, das ist ein guter Ausgleich zur Büroarbeit, die zuhause nicht weniger stressig ist als im Verlag, ganz im Gegenteil.

Was man da sieht, passt überhaupt nicht zu den Schreckensszenarien, die abends in der Tagesschau gemeldet werden. Der Park rund um den Kuhsee ist beileibe nicht menschenleer, viele Augsburger nutzen das schöne Wetter. Für meinen Geschmack zu viele – die empfohlenen zwei Meter Mindestabstand hält nicht jeder ein.

Deshalb habe ich heute, am Sonntag, auf einen Rundgang um den See verzichtet und bin durch die Innenstadt gelaufen. Kein schöner Anblick. Natürlich hatte heute kein Laden offen, denn es war ja schließlich Wochenende. Aber an jedem Laden hing ein Zettel, dass er auch morgen nicht wieder öffnen wird. Kneipen, Restaurants, alles zu.

Manche Zettel strahlen Verzweiflung aus, manche aber auch trotzigen Durchhaltewillen. Besonders gefallen hat mir der hier im Fenster der Modeboutique Respekt im Hunoldsgraben:

Respekt!

S‘dodelt

Als wir am Ostersamstag 2017 in unsere neue Wohnung in Augsburg-Hochzoll zogen, da wussten wir noch nicht, was sich die nächsten zwölf Monate in unmittelbarer Nähe zu unserem neuen Zuhause abspielen sollte.

Am Dienstag nach Ostern begannen die Bauarbeiten. Am 12-Apostel-Platz, einem rund 50 mal 50 Meter großer Platz zwischen der gleichnamigen Kirche und einem atriumförmig angelegten Ensemble aus Wohn- und Geschäftsräumen wurde aufgerissen.

Zwei Wochen später berichtete die Stadt Augsburg stolz auf ihrer Website vom feierlichen Spatenstich im Beisein des Oberbürgermeisters Kurt Gribl:

Der in die Jahre gekommene 12-Apostel-Platz im Stadtteil Hochzoll wird neugestaltet. Für viele Bewohner von Hochzoll-Süd ist der Platz ein tägliches Ziel. Zahlreiche Einzelhandels-Geschäfte wie Bäcker und Schreibwaren sowie Arztpraxen, Friseur und Restaurants sind direkt vor Ort. Mittwochs und freitags findet hier der Wochenmarkt statt. 12-Apostel-Kirche und Turnhalle sind ebenfalls an diesem Stadtteilzentrum angesiedelt

„Zahlreiche Einzelhandels-Geschäfte wie Bäcker und Schreibwaren sowie Arztpraxen, Friseur und Restaurants sind direkt vor Ort“ – nun, das dürfte die Übertreibung des Jahrhunderts sein. Der Metzger, der dort ansässig war, schloss seine Pforten rechtzeitig vor dem Umbau. Soweit man von klassischem Einzelhandel reden kann, befinden sich dort ein kleines Schreibwarengeschäft, in dem man auch Pakete abgeben kann, ein Optiker, außerdem der Öko-Bäcker Schubert. Ansonsten: Eine Apotheke, die wohl unfreundlichste Filiale der Stadtparkasse Augsburg, eine Versicherungsagentur, eine Hebammenpraxis und eine Fußpflegestation.

Einkaufen? Was denn? Was es dort nicht gibt, ist zum Beispiel ein Supermarkt. Platz wäre da, denn hier war früher mal ein Edeka drin:

Doch der Laden steht – ebenso wie das verlassene Metzgergeschäft – leer. Ein Restaurant gibt es am 12-Apostel-Platz natürlich auch nicht, nach 18 Uhr ist er verwaist.

Die Umgestaltung des Platzes hat die Stadt eine Million Euro gekostet – und infrastrukturmäßig nichts gebracht. Zweimal in der Woche findet auf dem Platz ein Wochenmarkt statt, der durchaus Anklang findet, und dann kehrt wieder Ödnis ein. In Hochzoll-Süd leben über 10.000 Menschen. Die könnten durchaus einen Supermarkt gebrauchen, aber warum kriegen sie keinen in ihrer Mitte?

Verlassene Gewerbeimmobilien sind in Augsburg keine Seltenheit. In der Reichenberger Straße, direkt neben dem Textilpalast, steht ein Riesenklotz aus Glas und Beton, der mal ein Obi-Baumarkt war. Danach versuchte Wöhrl dort ein Mode-Outlet zu etablieren, offenbar auch erfolglos. Jetzt steht die Riesen-Anlage leer, bereits seit mehreren Jahren.

Dass Augsburg erkennbar ein Einzelhandelsproblem hat, bemerkt jeder, der mit offenen Augen durch die Innenstadt geht. Der ehemalige Woolworth in der Annastraße steht angeblich schon seit zehn Jahren leer. Zeitweilig habe ich in dieser Straße in der Fußgängerzone auf weniger als 300 Meter sechs leere Geschäftslokale gezählt.

Es heißt, die Gewerbemieten in der Innenstadt seien zu hoch. Offenbar ist es billiger, Geschäfte leer stehen zu lassen als sie günstig zu vermieten. Ich finde das ein Unding. Schließlich ist ein Supermarkt oder ein Baumarkt an sich ja kein architektonisches Schmuckstück. Doch wenn er einfach jahrelang unbenutzt leer steht, verkommt er zur Ruine, die die ganze Gegend runterzieht.

Brecht hatte nicht recht

Der Dichter, dem sein Leben lang ein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimatstadt nachgesagt wurde, soll einmal gesagt haben:

Das Beste an Augsburg ist der Zug nach München

Nun ja, es gibt sicherlich das Eine oder Andere, was in München schöner, eleganter oder besser ist als in Augsburg – also mit etwas Überlegung fällt mir da sicher was ein.

Aber Dinge, die in Augsburg besser funktionieren als der Zug nach München – da würden mir sofort zwei Dutzend Sachen einfallen.

Gerade sitze ich im Zug von München nach Augsburg – zwei Stunden später als geplant. Grund dafür ist angeblich ein Notarzteinsatz am Bahnhof Pasing. Dafür müsse ich Verständnis haben, sagten mir die völlig überforderten Bahner, auf die ich auf meiner Odyssee über den Münchner Hauptbahnhof traf. Nein, habe ich eigentlich nicht. Genauer gesagt habe ich kein Verständnis dafür, dass es die Bahn immer wieder komplett unvorbereitet trifft, wenn irgendein Ereignis ihren Plan stört.

Kaum einer mit einem Herzen im Brustkorb hat ein Problem damit, bei einem unvorhergesehenen Unglücksfall auch mal warten zu müssen. Doch womit ich ein Problem habe, das ist die Kommunikation der Bahnmitarbeiter miteinander und mit der zahlenden Kundschaft. Die bricht nämlich regelmäßig zusammen, wenn mal was Unvorhergesehenes passiert. Und dann wird man von Gleis 13 zu Gleis 29 geschickt, wo zwar ein Zug nach Treuchtlingen steht, der so voll ist, dass niemand mehr reinpasst. Aber der Zugteil nach Ulm, der eigentlich noch dazu kommen müsste, kommt dann nicht – zur völligen Überraschung der Bahnmitarbeiter am Bahnsteig.

Und so etwas passiert andauernd, nicht nur wenn in Pasing mal wieder einer vor den Zug gesprungen ist.

Es will nicht in meinen Kopf, dass ein Unternehmen mit zigtausend Mitarbeitern keinen Plan B hat, falls Plan A nicht funktioniert. Und vielleicht sollte sich unser Verkehrsministerdarsteller mal Gedanken machen, wie man den Zugverkehr besser gegen Störungen absichern kann, bevor er sich mit E-Rollern befasst.

Auf der Rolle

Das ist einer von 50 E-Scootern des Anbieters Voi, die seit Anfang Juli 2019 in der Augsburger Innenstadt unterwegs sind. Dass es 50 Stück sind, stand in einem Bericht der Augsburger Allgemeinen zum Start des Systems. Es können aber inzwischen auch mehr geworden sein, gefühlt sieht man die Dinger an jeder Ecke.

Als Neu-Augsburger konnte ich es kaum fassen, dass ein dermaßen neues Verkehrssystem tatsächlich gleich auch bei uns verfügbar ist, nur wenige Wochen nach dem Start in München. In Berlin fluchen sie inzwischen über die Dinger, dort soll es inzwischen 4.800 davon geben, und zwar nicht über die ganze Stadt verteilt, sondern vor allem in Mitte und Kreuzberg. Einen sinnvollen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten sie nicht, sagen Anwohner. In erster Linie dienen sie wohl zur Touristenbespaßung.

Jetzt also auch Augsburg.

Für alle, die nicht wissen, wie das mit den Rollern geht, hier eine kurze Anleitung:

  1. Man braucht eine App. Jeder der Anbieter, die auf dem Markt unterwegs ist, hat seine eigene App. Man lädt sich die jeweilige App aufs Smartphone, registriert sich und gibt auch eine Zahlungsmethode ein (ich habe mich für Kreditkarte entschieden). Wenn man das unterwegs machen will, weil da zufällig so ein Scooter steht, geht das ganz einfach: Jeder Scooter hat oben am Lenker einen QR-Code aufgedruckt, den scannt man ein, dann wird automatisch die App geöffnet – oder man kommt auf den Download-Link zur App.
  2. Scooter finden. Wenn man die App startet, landet man auf einer Landkarte, auf der die Standorte der Roller verzeichnet sind, die gerade frei sind. Man sucht sich den nächstgelegenen aus und geht hin. Wenn man in der App auf das einzelne Roller-Symbol tippt, sieht man auch den Ladestand. Bei einer Reichweite von bestenfalls 30 km keine unwichtige Anzeige.
  3. Fahren. Hat man seinen Scooter gefunden, scannt man den QR-Code ein und entsperrt ihm. Der Roller piepst zur Bestätigung. Nun kann man losfahren. Der Motor setzt allerdings erst ein, wenn der Scooter rollt, deshalb ein paarmal treten, dann mit dem rechten Daumen den Knopf am Lenker drücken, und der Scooter setzt sich aus eigener Kraft in Bewegung. Nach meinem Eindruck arbeitet der Knopf digital, es gibt nur „an“ und „aus“, kein „Halbgas“. Gebremst wird mit dem Griff am linken Lenkerende, er betätigt die Vorderradbremse. Außerdem kann man mit dem Fuß auf den hinteren Kotflügel treten, damit bremst man das Hinterrad. Knapp 20 km/h soll so ein Voi-Scooter erreichen, ich halte 16 km/h für realistischer.
  4. Abstellen. Ist man am Ziel angekommen, parkt man den Roller an einer gut zugänglichen Stelle auf dem Bürgersteig. Dann beendet man mit der App die Fahrt, wobei man entweder die Miete beenden oder den Roller „parken“ kann. Er ist dann gesperrt, die Miete läuft weiter, der Roller wartet. Danach will Voi, dass man die Fahrt bewertet und dass man am Schluss ein Foto von dem Roller macht – das kann man aber auch überspringen.

Screenshot Voi App Wichtig zu wissen: Man darf den Scooter nur im Geschäftsgebiet abstellen, das wird im Osten vom Lech begrenzt, im Westen von der Wertach, im Süden ist bei der B300 Schluss, im Norden etwa beim MAN.

Der Voi-Scooter in der Praxis

Gestern habe ich, einer spontanen Eingebung folgend, das Ding mal ausprobiert. Ich war auf der Berliner Allee mit dem Auto unterwegs und wollte eigentlich in die Bahnhofsstraße. Die Voi-App meldete einen Scooter am Textilpalast, er stand hinten beim Radl-Bauer. Also Auto geparkt, Roller entsperrt und – nix. Der Roller weigerte sich, aus eigener Kraft zu laufen. Selbst nachdem ich ihn mit ein paar Tritten auf Touren gebracht hatte, reagierte er nicht auf den „Gas-Knopf“. Also wieder abgestellt, abgemeldet – und eine positive Überraschung: Die Fahrt wurde mir nicht berechnet. Aber ich hatte Blut geleckt. Die App meldete den nächsten Roller am Proviantbach, also nächster Versuch – und der Roller fuhr!

Voi-Roller fahren ist eine gemächliche Geschichte, was angesichts der winzigen Räder und der mäßigen Bremsen kein Fehler ist. Beim Druck auf den Knopf setzt nicht wirklich Beschleunigung ein, es ist eher so, dass der Roller Geschwindigkeit aufbaut. Man ist damit deutlich schneller als alle Fußgänger, für engagierte Radfahrer und erst recht für Autofahrer ist man dagegen eher ein Verkehrshindernis. Bei der Bewertung der Gesamtperformance sollte man allerdings berücksichtigen, dass der Autor dieser Zeilen ein überaus wohlgenährter Geselle ist und um die zwei Meter misst.

Die Grenzen des Vortriebs zeigten sich am Lonhardsberg, wo die Power des Scooters einfach nicht mehr langte, um uns beide voranzubringen. Die Lösung: Mittreten. Das ist zwar bei 35 Grad nicht so ein wahnsinniger Spaß, aber den Berg zu Fuß hochlatschen erst recht nicht. Schließlich kam ich nach 20 Minuten Fahrt in der Bahnhofstraße an, stellte den Roller ab, beendete die Fahrt und ging einkaufen. Die Kosten: Ein Euro fürs Entsperren, 15 Cent pro Minute, macht 4 Euro. Der AVV wäre billiger, aber nicht schneller.

Nicht jeder Voi geht.

Nach dem Einkaufen wollte ich mit dem Roller zurück zum Auto fahren, ich freute mich schon auf die rasante Bergabpassage am Leonhardsberg – aber er war nicht mehr da. Die App zeigte auch keinen freien Scooter in der Nähe. Also am besten in die Sechser Straßenbahn, und dann am Textilmuseum wieder raus, wann kommt die denn, oh schon in einer Minute, schnell noch einen Fahrschein kaufen, da kommt sie ja schon…

Und schon saß ich in der Dreier Straßenbahn in Richtung Pfersee.

Als ich meinen Fehler bemerkte und an der nächsten Haltestelle ausstieg, meldete die App zwei Roller an der Luitpoldbrücke, also einen ausgefasst, zur Ampel geschoben und auf Grün gewartet. Ein Kardinalfehler, wie sich herausstellte, denn der Scooter hatte das gleiche Problem wie der, den ich ursprünglich am Textilpalast ausprobiert hatte: Er verweigerte schlicht den Dienst. Doch bis ich das bemerkte, waren schon zwei Minuten vergangen – und Voi berechnete mir für die Fahrt 1,45 Euro. Beim nächsten Roller war ich schlauer: Ich probierte ihn gleich nach dem Entsperren aus – und stellte ebenfalls technisches Versagen fest. Und weil ich dazu nicht lange brauchte, stellte mir Voi diesen Fahrversuch immerhin nicht in Rechnung.

Kurz: Wenn drei von vier Rollern nicht funktionieren, dann mache ich entweder grundsätzlich was falsch, oder Voi hat sich Schrott andrehen lassen.

#wetwecan

Sie haben es geschafft: Die Initiatoren der Bewerbung für die Eintragung der Stadt Augsburg in die Liste des UNESCO Welterbes. Auf ihrer 43. Sitzung in Baku hat die Kulturorganisation der UN 22 Stätten der Augsburger Wasserwirtschaft diesen Status verliehen.

Das Welterbe umfasst 22 Stationen. Zu ihren gehören 10 Wasserkraftwerke, 4 Trinkwasserwerke (Unteres Brunnenwerk, Brunnenwerk am Vogeltor, Wasserwerk am Roten Tor, Hochablass-Wasserwerk), 3 Monumentalbrunnen, der Galgenablass im Stadtwald, das Hochablass-Lechwehr, der Eiskanal, knapp 190 Kilometer Lechkanäle und die Stadtmetzg.

Glückwunsch! Die Augsburger Wasserwirtschaft und alle ihre Förderer haben diese Ehrung – die leider nicht mit irgendwelchen Fördermitteln verbunden ist – mit Sicherheit verdient. Und auch ich als Neu-Augsburger bin immer ganz stolz, wenn ich Gästen den Hochablass oder den Eiskanal zeigen darf.

Andererseits bin ich auch etwas in Sorge: Werden in Zukunft Touristenmassen das Beschauliche, das ich an Augsburg so mag, kaputtmachen? Wenn es in Augsburg an einem schönen Wochenende mal etwas voller ist, kriegt man am Kuhsee immer noch einen Parkplatz, wenn man einen braucht. In München am Langwieder See stauen sich dann schon die Autos bis auf die Autobahn. Werden in Zukunft immer zehn Reisebusse vor dem Hochablass stehen?

Vielleicht ist diese Ehre aber auch der positive Impuls, den Augsburg gut brauchen kann, nach Weltbild-, Ledvance- und Fujitsu-Pleite, nach Geschäftsschließungen am laufenden Meter. Sicher, ein Souvenirshop neben dem anderen in der Altstadt wäre nicht schön. Aber ist ein leerstehender Laden neben dem anderen so viel schöner?

Neulich war ich auf einem Vortrag über die Augsburg-Bewerbung. Da erzählte die Referentin von Kassel. Dort bekam die Wilhelmshöhe den UNESCO-Titel, und am nächsten Tag waren 3.000 (!) Besucher da. Ich war inzwischen mal wieder am Hochablass – da ist noch alles ruhig.

Am nächsten Wochenende wird jedenfalls erst mal gefeiert. Zu Ehren der Ehrung will die Stadt ein Wasser-Fest ausrichten. Mehr dazu unter

www.wassersystem-augsburg.de

Der König von Augsburg

 

Koenig von Augsburg
Der König von Augsburg (CC-BY2.0, Fotograf: Seniju)

Wenn man darüber nachdenkt, wer in Augsburg das Sagen hat, dann fallen einem eigentlich zuerst die Fugger ein, wobei deren Glanzperiode schon eine Weile vorüber ist. Und die Chinesen, die erst Osram und dann Kuka gekauft haben, haben in Augsburg auch nicht mehr so viel zu melden, seitdem Ledvance abgewickelt wurde und Kuka Leute entlässt.

Leute entlassen, das würde Gerhard Hermanutz niemals tun. Denn schließlich ist er König von Augsburg. Gewählt wurde er nicht, aber zu demokratischen Willensbildungsprozessen hat die Aristokratie ja allgemein ein eher abstraktes Verhältnis. Vor 25 Jahren schlüpfte  Hermanutz in diese Rolle. Er lebte bereits seit 1981 in Augsburg, wo auch  seine Mutter lebte. Er hatte schon damals einen Hang zu ausgefallenen Kleidungsstücken, deshalb bastelte er sich irgendwann einmal aus Pappe und Goldfolie eine Krone. Und wurde zum König. „Nachdem ich die Krone in Augsburg alleine trug und mir das niemand nachmachte, musste ich wohl der König sein“, zitiert ihn die Augsburger Allgemeine Zeitung.

Der König ist gern sichtbar, man kann ihn ansprechen – und selbst für Neu-Augsburger dauert es nicht lang, bis man ihm irgendwann einmal in der Innenstadt über den Weg läuft. Gern steht er vor dem Rathaus und schaut auf seine Untertanen. Oder er besucht das Polizeipräsidium oder andere Augsburger Behörden – man muss ja sehen, was die Verwaltung so  macht.

Hermanutz, der übrigens die Anrede „König“ bevorzugt, ist mittlerweile Stoff mehrerer Bücher und Fernseh-Dokus geworden. Im März 2019 feierte ein Film über ihn im Programmkino Liliom Premiere, er ist noch bis Mai jeden Tag dort zu sehen

Der König von Augsburg tut niemandem etwas zuleide und wird deshalb von den Augsburgern toleriert und in Ruhe gelassen. Und ich finde, das sagt viel über die Augsburger aus.

 

Kleine Geschenke unter Freunden

August-GinWas bringt der Neu-Augsburger mit, wenn er auf Besuch ist – vorzugsweise bei Freunden und Verwandten, die Augsburg nicht kennen? Vermutlich die einfachste, naheliegende Lösung sind ein paar Schokostücke mit dem Augsburger Stadtwappen drauf, der Zirbelnuss. Diese Zirbelnuss-Taler kann man bei der Traditions-Konditorei Dichtl kaufen. Man sollte aber vor dem Kauf der recht ambitioniert bepreisten Süßwaren noch einmal einen Blick auf die Schachtel werfen, ob das Ablaufdatum nicht bereits überschritten ist. Ja, einmal dürfen Sie raten, wieso ich diesen Warnhinweis gebe.

Ohne Haltbarkeitsdatum kommt ein anderes Präsent aus, allerdings nicht ohne ein paar Erklärungen. Im Museumsshop des Textilmuseums kann man gewebte Baumwoll-Handtücher kaufen. Einer guten Hausfrau ein solches Präsent in die Hand gedrückt, das kann durchaus für Missverständnisse sorgen. Am Ende glaubt sie noch, man wolle ihr unterstellen, sie habe es nötig, mal ein Putztuch in die Hand zu nehmen. Die Wahrheit ist natürlich eine andere: Die Handtücher, die das Textilmuseum verkauft, wurden auf den Webstühlen im Museum gewebt und mit Originalfarben gefärbt. Das sind Handtücher, wie es sie früher gab – und heute eben nicht mehr. Der eingewebte Augsburg-Schriftzug macht die Tücher unverwechselbar. Und bei Manufaktum wären sie noch teurer, wenn es sie dort gäbe.

Mein persönlicher Geschenk-Favorit ist August. Das ist ein Gin, der in Augsburg hergestellt wird. Er ist nicht ganz billig, aber auch nicht unverschämt teuer. Neulich brachte ich meiner Mutter eine Flasche mit. Sie bedankte sich artig, gab aber später zu verstehen, dass sie eigentlich keine ganz große Gin-Trinkerin sei. Dennoch haben wir beide zu später Stunde einmal einen Schluck probiert. Und wir waren uns einig: Sehr, sehr lecker. Eingentlich ist Gin ja relativ banaler Holunderschnaps, super geeignet, um damit Tonic Water anzureichern. Dafür ist August Gin eigentlich zu schade. Nach Angaben des Herstellers bekommt er seinen Geschmack durch die Zugabe von Gewürzen und Zirbelnuss-Spänen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber das Ergebnis hat wirklich einen sehr vollen, sehr speziellen Geschmack. Wer Angst davor hat, jemandem einen halben Liter Alk zu schenken: Es gibt August auch in 0,2-Liter-Fläschchen. Zu haben in jedem Hipster-Laden in Augsburg, der etwas auf sich hält – aber auch im ganz normalen Getränkefachmarkt.

Im Shopping-Paradies

Dieser Aufkleber ziert in Augsburg jeden zweiten Laden. Während Amazon in Werbemotiven auf den Augsburger Straßenbahnen Aushilfskräfte für sein Logistikzentrum in Graben sucht, fürchtet der lokale Einzelhandel die Konkurrenz aus dem Web. Leicht ist es nicht für die Geschäfte in der Innenstadt – in der Fußgängerzone stehen derzeit mehrere Immobilien leer.

Dabei hat Augsburg eine schöne Innenstadt, viel schöner als die in München. Und auch an verschiedenen Geschäften herrscht kein Mangel – denkt man zunächst.

Nach wiederholten Besuchen musste ich irgendwann an ein DDR-Kaufhaus denken. Ich war mal in einem in Ost-Berlin. Das war vollgestopft mit Waren. Auf den ersten Blick hatten die alles. Nur wenn man etwas Bestimmtes suchte, dann hatten sie genau das nicht.

Ein schönes Beispiel war das Traditionsschuhhaus Leiser in der Steingasse. Kaum in Augsburg angekommen, wollte ich dort mein erstes Augsburger Paar Schuhe kaufen. Dumm nur, dass ich Schuhgröße 47 brauche, der Laden aber nur bis Größe 45 hatte. In München sind Schuhe dieser Größe kein großes Problem, allein in der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz gibt es drei Schuhläden mit passendem Angebot.

Nun ja, inzwischen ist das Schuhhaus Leiser Geschichte, im Herbst 2017 musste es schließen, der Laden steht immer noch leer. Und er ist nicht der einzige. Als ich das letzte Mal dort war, waren rund um den ehemaligen Laden von Leiser sechs Ladengeschäfte verwaist. Wohl gemerkt, wir reden von der Haupt-Fußgängerzone der drittgrößten Stadt Bayerns. Auf gut Bairisch: Es dodelt ganz gewaltig.

Woran liegt das? Zunächst einmal ganz banal am Ladenschlussgesetz. Das wird im Freistaat so streng ausgelegt wie sonst nirgends in der Republik. Bis 20 Uhr dürfen die Geschäfte geöffnet haben, auch am Samstag, am Sonntag ist Ruhe. Hin und wieder beteilige ich mich an Diskussionen darum, ob es nicht sinnvoll wäre, die Ladenöffnungszeiten auszuweiten, und ich höre immer wieder dieselben Argumente, meist vorgetragen von Frauen:

  • Warum denkt denn niemand an die vielen Verkäuferinnen? Die wollen doch auch mal zu ihrer Familie.
  • Wer es nicht schafft, bis 20 Uhr seine Einkäufe zu erledigen, der ist selber schuld. (Variante: Also ich habe es, obwohl alleinerziehend und voll berufstätig, noch immer geschafft, meine Einkäufe zu erledigen).
  • Es ist noch niemand verhungert oder verdurstet.

Tja, und dann kommt man an einer Litfaßsäule vorbei und sieht das hier:

Litfaßsäule mit Stellanzeigen von AmazonIn Graben, nur wenige Kilometer von Augsburg entfernt, unterhält Amazon eins seiner Auslieferungslager. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sucht der Online-Gigant in Augsburg händeringend nach Mitarbeitern, so sehr brummt das Geschäft. E-Commerce wächst jährlich mit acht bis zehn Prozent, während der stationäre Einzelhandel bestenfalls stagniert. In mittleren und kleinen Städten geht er sogar signifikant zurück. Der Handelsforscher Gerrit Heinemann prophezeiht diesen Städten für die Zukunft Leerstände von 40 bis 50 Prozent. Wie stark der E-Commerce zunimmt, merke ich schon abends bei der Parkplatzsuche. In Hochzoll parken nachts dermaßen viele Lieferwagen von Paketdiensten, dass sie den Anwohnern die Parkplätze wegnehmen.

Aber sind längere Ladenöffnungszeiten wirklich die Lösung? Muss man wirklich arme Verkäuferinnen dazu zwingen, 14 Stunden am Tag im Laden zu stehen?

Ich erlaube mir dazu die Sicht eines München-Pendlers. Ich verlasse halb acht Uhr morgens das Haus, spätestens um acht Uhr befinde ich mich nicht mehr im Landkreis Augsburg. Wenn es gut läuft und ich keine Überstunden machen muss, dann sitze ich gegen 17.30 Uhr wieder im Zug nach Augsburg, der ist dann so gegen 18.15 Uhr in Hochzoll. Zu dieser Zeit haben in Hochzoll nur noch die Supermärkte auf, alles andere hat zu. Dasselbe gilt für fast alle anderen Geschäfte, die sich nicht im unmittelbaren Stadtzentrum befinden. Und sogar in der Fußgängerzone in der Innenstadt nutzt längst nicht jeder Laden die schmalen Möglichkeiten des bayrischen Ladenschlussgesetzes aus.  Nehmen wir mal an, so ein Laden hat zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends offen, ich bin aber von 8 Uhr morgens bis 18.15 Uhr abends unterwegs. Wie groß ist da die Chance, dass ich bei dem Laden etwas kaufe?

Nun könnte man natürlich einwenden, dass das ein blödes Luxusproblem eines blöden Münchenpendlers ist, auf dessen Befindlichkeiten im Zweifel geschissen ist. Aber nun nehmen wir mal die in Augsburg lebende Verwaltungsangestellte. Die muss morgens um 9 im Büro sein, vorher bringt sie noch ihr Kind in die Kita. Dann arbeitet sie bis 17 Uhr, holt das Kind aus der Kita – und dann muss sie sich schon sputen, damit sie noch irgendeinen offenen Laden findet. Klar, der Aldi hat bis um 20 Uhr auf, der Rewe auch, aber der kleine Bioladen nicht, der Schreibwarenladen, der Spielzeugladen. Geschäfte wie diese gehen in Augsburg gerade reihenweise baden – wenn sie nicht schon längst baden gegangen sind.

Klar, man kann am Samstag einkaufen gehen, aber vielleicht hat man auch keine Lust, sich jeden Samstag damit zu ruinieren, durch die City zu hechten. Außerdem machen Samstags viele Läden ja schon um 13 Uhr zu, es könnten ja Kunden kommen.

Warum schließen sich nicht mal alle Läden in einem Viertel zusammen und machen einmal die Woche einen Berufstätigen-Tag? Alle machen erst nachmittags um zwei auf, dafür halten sie offen bis 20 Uhr. Das hätte unter anderem den Nebeneffekt, dass die Verkäuferinnen in diesen Läden an diesem „Berufstätigen-Tag“ vormittags das erledigen können, wozu sie unter der Woche nicht kommen, weil sie ja sonst immer auf der Arbeit sind.

Alles ist im Fluss

Augsburg hat eine besondere Beziehung zum Wasser, das merkt der Neu-Augsburger spätestens beim ersten Stadtrundgang. Der Hochablass, eins der markantesten Bauwerke der Stadt, darf in keinem Bericht über die Stadt fehlen. Die Wasserversorgung, mit der Augsburg bereits im Mittelalter sein Stadtgebiet überzog, soll demnächst als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt werden, so die Hoffnung der Förderer dieser Idee. Ob ich diesen Plan gut finde, weiß ich noch nicht, mehr Touristen in der Stadt brauche ich nicht unbedingt. Andererseits: Inhaltlich spricht viel dafür, das Geflecht aus Kanälen, die die Stadt bis heute durchziehen, zum Denkmal zu erheben.

Kanäle hatten andere Städte mit Fluss in der Mitte früher auch. Doch Augsburg unterscheidet sich in zwei Punkten von anderen Städten. Im Gegensatz zu München gibt es die meisten Augsburger Kanäle noch, sie wurde nicht einfach in die Kanalisation verbannt. Und Augsburg ist ganz schön schräg: Zwischen Süden und Norden liegt ein Unterschied von rund 80 Höhenmetern. Das sorgt dafür, dass alle Augsburger Kanäle eins haben: Genug Speed.

Richtig krass ist das mit dem Speed an der Kajak-Wildwasserstrecke, die direkt neben dem Hochablass liegt und für die Olympischen Spiele 1972 gebaut wurde. Sie wird vom Hauptstadtbach mit Wasser versorgt, Eingeweihte nennen sie angeblich nur „die Waschmaschine“.

Doch um seinen Spaß im Fluss zu haben, braucht mal kein Kajak und keinen Sturzhelm. An verschiedenen Stellen der Stadt gibt es öffentlich freigegebene Kanalabschnitte, in denen man sich einfach treiben lassen kann – mit etwas Planung sogar kilometerlang. Und das Beste: Viele dieser Flussbäder kosten noch nicht einmal Eintritt. Und da wir hier nicht in München sind, sondern im entspannten Augsburg, sind sie selbst bei Top Wetterlagen nicht überrannt, sondern höchstens gut besucht.

Den Anfang macht das Fribbebad, ein öffentliches Freibad in Spickel, unweit des zoologischen Gartens. Seit Sommer 2018 gibt es hier ein neues Kinder-Planschparadies – und für die etwas größeren Kinder gibt es den Kaufbach, der in einem Betonbett auf rund 250 Meter Länge das Bad durchfließt. Die Strömung ist hier moderat, das Schweben angenehm. Am Ende gibt es ein Stahlseil zum Festhalten und ein solides Gitter, das vor dem nahenden Wehr schützt. Obwohl viele Locals das Gewässer per Arschbombe betreten, ein Wort zur Vorsicht: Der Kanal ist oft nicht tiefer als 1,25 Meter. Unfachmännisch ausgeführte Kopfsprünge können tragisch enden.

Wer so auf den Geschmack gekommen ist, sollte das Luftbad in Göggingen besuchen. Das „Bad“ ist eine Liegewiese mit zwei Dixi-Klos und zwei Beach-Volleyballfeldern, um den Bewegungsdrang der Jugend zu dämpfen. Die Hauptattraktion ist allerdings der Fabrikkanal, ein Kanal, der aus der nahen Wertach gespeist wird und von dort rund 400 Meter zum freien Treiben einlädt, bevor ein Stahlseil und eine letzte Ausstiegleiter zur Umkehr mahnen. Es ist schlau, dabei nicht nur adrette Badekleidung am Körper zu haben, sondern auch vernünftige Badeschuhe. Denn der Weg zum Einstiegspunkt direkt an der Wertach geht durch einen Wald und über Stock und Stein.

Ein bisschen ein Insidertipp ist die Liegewiese am Proviantbach, direkt neben der Türkspor-Sportanlage. Hier lässt es sich ebenfalls auf rund 300 Metern entspannt treiben, bevor die letzten Ausstiege an der Otto-Lindenmeyer-Straße kommen, die dort den „Bach“ – in Wirklichkeit ist er natürlich ein Kanal – als Brücke überspannt. Wem das noch nicht reicht, der lässt sich einfach weiter treiben und folgt dem Proviantbach bis zur Amagasaki-Allee, die hier den Kanal ebenfalls überquert. Bis hierhin sind noch alle 50 bis 100 Meter Einstiegsleitern vorhanden. Danach geht der Proviantbach noch ein ganzes Stück schnurgeradeaus weiter, wird breiter und ruhiger. Allerdings muss man spätestens am Schlachthof-Quartier wieder draußen sein, weil dort ein Wehr dem entspannnten Treiben ein Ende setzt. Auch hier sind neben adretter Badekleidung gute Badeschuhe Pflicht, denn in allen Augsburger Kanälen können Glasscherben und andere scharfkantige Dinge liegen – außerdem muss man nach dem Badespaß ein ganzes Stück zu Fuß zurücklaufen, um sein Badehandtuch wiederzufinden.

Eher so die Champions League unter den Badekanälen dürfte der Badebereich am Eiskanal in Spickel sein. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, denn eigentlich heißt das Gewässer, das hier durchfließt Hauptstadtbach. Aber das Wasser kommt direkt aus dem Lech, ist entsprechend kalt und wenige Minuten zuvor noch durch die bereits erwähnte „Waschmaschine“ geflossen. Dieses Fließbad ist das einzige mit Wasserwacht-Stützpunkt – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn hier ist die Strömung schon nicht von schlechten Eltern, und wer am Ende den Ausstiegspunkt verpasst, sollte sich unbedingt scharf rechts halten und am Wehr unter der Friedberger Straße hindurch abbiegen und in den Herrenbach weitertreiben. Wer die Rechtskurve verpasst, muss geradeaus durch den stellenweise sehr flachen Kaufbach – und landet schließlich (ohne Eintrittskarte) im Fribbe-Bad.

Ein, zwei Worte der Warnung: Alle beschriebenen Kanäle bekommen von Lech und Wertach (oder besoffenen Zeitgenossen) allen möglichen Kram reingeschwemmt. Wenn auch das Wasser selbst nahezu Gebirgsbachqualität hat, so sollte man wirklich Schuhe tragen, damit man sich nicht irgendwo verletzt. Die Kanäle sind auch teilweise überraschend flach: Wenn man nicht ganz sicher weiß, ob man da einen Kopfsprung reinmachen kann – dann eher nicht. Und man muss es ja keinem verraten, aber niemandem bricht ein Zacken aus der Krone, wenn er vor dem Sprung ins nasse Treiben die geplante Strecke mal in Ruhe abgeht, auf Ausstiegsmöglichkeiten und Wasserstände achtet, die gegebenenfalls an der nächsten Brücke zu Problemen führen könnten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, alles was hier steht, wurde unter Ausschluss der Gewährleistung geschrieben und Eltern haften für ihre Kinder.

Das Bild oben im Beitrag zeigt übrigens den Stadtbach, wie er in der Nähe der alten Stadtmauer vom Unteren Stadtgraben gekreuzt wird. Von den beschrieben Fließbädern habe ich keine Bilder – meine Kamera ist nicht wasserfest.