S‘dodelt

Als wir am Ostersamstag 2017 in unsere neue Wohnung in Augsburg-Hochzoll zogen, da wussten wir noch nicht, was sich die nächsten zwölf Monate in unmittelbarer Nähe zu unserem neuen Zuhause abspielen sollte.

Am Dienstag nach Ostern begannen die Bauarbeiten. Am 12-Apostel-Platz, einem rund 50 mal 50 Meter großer Platz zwischen der gleichnamigen Kirche und einem atriumförmig angelegten Ensemble aus Wohn- und Geschäftsräumen wurde aufgerissen.

Zwei Wochen später berichtete die Stadt Augsburg stolz auf ihrer Website vom feierlichen Spatenstich im Beisein des Oberbürgermeisters Kurt Gribl:

Der in die Jahre gekommene 12-Apostel-Platz im Stadtteil Hochzoll wird neugestaltet. Für viele Bewohner von Hochzoll-Süd ist der Platz ein tägliches Ziel. Zahlreiche Einzelhandels-Geschäfte wie Bäcker und Schreibwaren sowie Arztpraxen, Friseur und Restaurants sind direkt vor Ort. Mittwochs und freitags findet hier der Wochenmarkt statt. 12-Apostel-Kirche und Turnhalle sind ebenfalls an diesem Stadtteilzentrum angesiedelt

„Zahlreiche Einzelhandels-Geschäfte wie Bäcker und Schreibwaren sowie Arztpraxen, Friseur und Restaurants sind direkt vor Ort“ – nun, das dürfte die Übertreibung des Jahrhunderts sein. Der Metzger, der dort ansässig war, schloss seine Pforten rechtzeitig vor dem Umbau. Soweit man von klassischem Einzelhandel reden kann, befinden sich dort ein kleines Schreibwarengeschäft, in dem man auch Pakete abgeben kann, ein Optiker, außerdem der Öko-Bäcker Schubert. Ansonsten: Eine Apotheke, die wohl unfreundlichste Filiale der Stadtparkasse Augsburg, eine Versicherungsagentur, eine Hebammenpraxis und eine Fußpflegestation.

Einkaufen? Was denn? Was es dort nicht gibt, ist zum Beispiel ein Supermarkt. Platz wäre da, denn hier war früher mal ein Edeka drin:

Doch der Laden steht – ebenso wie das verlassene Metzgergeschäft – leer. Ein Restaurant gibt es am 12-Apostel-Platz natürlich auch nicht, nach 18 Uhr ist er verwaist.

Die Umgestaltung des Platzes hat die Stadt eine Million Euro gekostet – und infrastrukturmäßig nichts gebracht. Zweimal in der Woche findet auf dem Platz ein Wochenmarkt statt, der durchaus Anklang findet, und dann kehrt wieder Ödnis ein. In Hochzoll-Süd leben über 10.000 Menschen. Die könnten durchaus einen Supermarkt gebrauchen, aber warum kriegen sie keinen in ihrer Mitte?

Verlassene Gewerbeimmobilien sind in Augsburg keine Seltenheit. In der Reichenberger Straße, direkt neben dem Textilpalast, steht ein Riesenklotz aus Glas und Beton, der mal ein Obi-Baumarkt war. Danach versuchte Wöhrl dort ein Mode-Outlet zu etablieren, offenbar auch erfolglos. Jetzt steht die Riesen-Anlage leer, bereits seit mehreren Jahren.

Dass Augsburg erkennbar ein Einzelhandelsproblem hat, bemerkt jeder, der mit offenen Augen durch die Innenstadt geht. Der ehemalige Woolworth in der Annastraße steht angeblich schon seit zehn Jahren leer. Zeitweilig habe ich in dieser Straße in der Fußgängerzone auf weniger als 300 Meter sechs leere Geschäftslokale gezählt.

Es heißt, die Gewerbemieten in der Innenstadt seien zu hoch. Offenbar ist es billiger, Geschäfte leer stehen zu lassen als sie günstig zu vermieten. Ich finde das ein Unding. Schließlich ist ein Supermarkt oder ein Baumarkt an sich ja kein architektonisches Schmuckstück. Doch wenn er einfach jahrelang unbenutzt leer steht, verkommt er zur Ruine, die die ganze Gegend runterzieht.

Brecht hatte nicht recht

Der Dichter, dem sein Leben lang ein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimatstadt nachgesagt wurde, soll einmal gesagt haben:

Das Beste an Augsburg ist der Zug nach München

Nun ja, es gibt sicherlich das Eine oder Andere, was in München schöner, eleganter oder besser ist als in Augsburg – also mit etwas Überlegung fällt mir da sicher was ein.

Aber Dinge, die in Augsburg besser funktionieren als der Zug nach München – da würden mir sofort zwei Dutzend Sachen einfallen.

Gerade sitze ich im Zug von München nach Augsburg – zwei Stunden später als geplant. Grund dafür ist angeblich ein Notarzteinsatz am Bahnhof Pasing. Dafür müsse ich Verständnis haben, sagten mir die völlig überforderten Bahner, auf die ich auf meiner Odyssee über den Münchner Hauptbahnhof traf. Nein, habe ich eigentlich nicht. Genauer gesagt habe ich kein Verständnis dafür, dass es die Bahn immer wieder komplett unvorbereitet trifft, wenn irgendein Ereignis ihren Plan stört.

Kaum einer mit einem Herzen im Brustkorb hat ein Problem damit, bei einem unvorhergesehenen Unglücksfall auch mal warten zu müssen. Doch womit ich ein Problem habe, das ist die Kommunikation der Bahnmitarbeiter miteinander und mit der zahlenden Kundschaft. Die bricht nämlich regelmäßig zusammen, wenn mal was Unvorhergesehenes passiert. Und dann wird man von Gleis 13 zu Gleis 29 geschickt, wo zwar ein Zug nach Treuchtlingen steht, der so voll ist, dass niemand mehr reinpasst. Aber der Zugteil nach Ulm, der eigentlich noch dazu kommen müsste, kommt dann nicht – zur völligen Überraschung der Bahnmitarbeiter am Bahnsteig.

Und so etwas passiert andauernd, nicht nur wenn in Pasing mal wieder einer vor den Zug gesprungen ist.

Es will nicht in meinen Kopf, dass ein Unternehmen mit zigtausend Mitarbeitern keinen Plan B hat, falls Plan A nicht funktioniert. Und vielleicht sollte sich unser Verkehrsministerdarsteller mal Gedanken machen, wie man den Zugverkehr besser gegen Störungen absichern kann, bevor er sich mit E-Rollern befasst.

Auf der Rolle

Das ist einer von 50 E-Scootern des Anbieters Voi, die seit Anfang Juli 2019 in der Augsburger Innenstadt unterwegs sind. Dass es 50 Stück sind, stand in einem Bericht der Augsburger Allgemeinen zum Start des Systems. Es können aber inzwischen auch mehr geworden sein, gefühlt sieht man die Dinger an jeder Ecke.

Als Neu-Augsburger konnte ich es kaum fassen, dass ein dermaßen neues Verkehrssystem tatsächlich gleich auch bei uns verfügbar ist, nur wenige Wochen nach dem Start in München. In Berlin fluchen sie inzwischen über die Dinger, dort soll es inzwischen 4.800 davon geben, und zwar nicht über die ganze Stadt verteilt, sondern vor allem in Mitte und Kreuzberg. Einen sinnvollen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten sie nicht, sagen Anwohner. In erster Linie dienen sie wohl zur Touristenbespaßung.

Jetzt also auch Augsburg.

Für alle, die nicht wissen, wie das mit den Rollern geht, hier eine kurze Anleitung:

  1. Man braucht eine App. Jeder der Anbieter, die auf dem Markt unterwegs ist, hat seine eigene App. Man lädt sich die jeweilige App aufs Smartphone, registriert sich und gibt auch eine Zahlungsmethode ein (ich habe mich für Kreditkarte entschieden). Wenn man das unterwegs machen will, weil da zufällig so ein Scooter steht, geht das ganz einfach: Jeder Scooter hat oben am Lenker einen QR-Code aufgedruckt, den scannt man ein, dann wird automatisch die App geöffnet – oder man kommt auf den Download-Link zur App.
  2. Scooter finden. Wenn man die App startet, landet man auf einer Landkarte, auf der die Standorte der Roller verzeichnet sind, die gerade frei sind. Man sucht sich den nächstgelegenen aus und geht hin. Wenn man in der App auf das einzelne Roller-Symbol tippt, sieht man auch den Ladestand. Bei einer Reichweite von bestenfalls 30 km keine unwichtige Anzeige.
  3. Fahren. Hat man seinen Scooter gefunden, scannt man den QR-Code ein und entsperrt ihm. Der Roller piepst zur Bestätigung. Nun kann man losfahren. Der Motor setzt allerdings erst ein, wenn der Scooter rollt, deshalb ein paarmal treten, dann mit dem rechten Daumen den Knopf am Lenker drücken, und der Scooter setzt sich aus eigener Kraft in Bewegung. Nach meinem Eindruck arbeitet der Knopf digital, es gibt nur „an“ und „aus“, kein „Halbgas“. Gebremst wird mit dem Griff am linken Lenkerende, er betätigt die Vorderradbremse. Außerdem kann man mit dem Fuß auf den hinteren Kotflügel treten, damit bremst man das Hinterrad. Knapp 20 km/h soll so ein Voi-Scooter erreichen, ich halte 16 km/h für realistischer.
  4. Abstellen. Ist man am Ziel angekommen, parkt man den Roller an einer gut zugänglichen Stelle auf dem Bürgersteig. Dann beendet man mit der App die Fahrt, wobei man entweder die Miete beenden oder den Roller „parken“ kann. Er ist dann gesperrt, die Miete läuft weiter, der Roller wartet. Danach will Voi, dass man die Fahrt bewertet und dass man am Schluss ein Foto von dem Roller macht – das kann man aber auch überspringen.

Screenshot Voi App Wichtig zu wissen: Man darf den Scooter nur im Geschäftsgebiet abstellen, das wird im Osten vom Lech begrenzt, im Westen von der Wertach, im Süden ist bei der B300 Schluss, im Norden etwa beim MAN.

Der Voi-Scooter in der Praxis

Gestern habe ich, einer spontanen Eingebung folgend, das Ding mal ausprobiert. Ich war auf der Berliner Allee mit dem Auto unterwegs und wollte eigentlich in die Bahnhofsstraße. Die Voi-App meldete einen Scooter am Textilpalast, er stand hinten beim Radl-Bauer. Also Auto geparkt, Roller entsperrt und – nix. Der Roller weigerte sich, aus eigener Kraft zu laufen. Selbst nachdem ich ihn mit ein paar Tritten auf Touren gebracht hatte, reagierte er nicht auf den „Gas-Knopf“. Also wieder abgestellt, abgemeldet – und eine positive Überraschung: Die Fahrt wurde mir nicht berechnet. Aber ich hatte Blut geleckt. Die App meldete den nächsten Roller am Proviantbach, also nächster Versuch – und der Roller fuhr!

Voi-Roller fahren ist eine gemächliche Geschichte, was angesichts der winzigen Räder und der mäßigen Bremsen kein Fehler ist. Beim Druck auf den Knopf setzt nicht wirklich Beschleunigung ein, es ist eher so, dass der Roller Geschwindigkeit aufbaut. Man ist damit deutlich schneller als alle Fußgänger, für engagierte Radfahrer und erst recht für Autofahrer ist man dagegen eher ein Verkehrshindernis. Bei der Bewertung der Gesamtperformance sollte man allerdings berücksichtigen, dass der Autor dieser Zeilen ein überaus wohlgenährter Geselle ist und um die zwei Meter misst.

Die Grenzen des Vortriebs zeigten sich am Lonhardsberg, wo die Power des Scooters einfach nicht mehr langte, um uns beide voranzubringen. Die Lösung: Mittreten. Das ist zwar bei 35 Grad nicht so ein wahnsinniger Spaß, aber den Berg zu Fuß hochlatschen erst recht nicht. Schließlich kam ich nach 20 Minuten Fahrt in der Bahnhofstraße an, stellte den Roller ab, beendete die Fahrt und ging einkaufen. Die Kosten: Ein Euro fürs Entsperren, 15 Cent pro Minute, macht 4 Euro. Der AVV wäre billiger, aber nicht schneller.

Nicht jeder Voi geht.

Nach dem Einkaufen wollte ich mit dem Roller zurück zum Auto fahren, ich freute mich schon auf die rasante Bergabpassage am Leonhardsberg – aber er war nicht mehr da. Die App zeigte auch keinen freien Scooter in der Nähe. Also am besten in die Sechser Straßenbahn, und dann am Textilmuseum wieder raus, wann kommt die denn, oh schon in einer Minute, schnell noch einen Fahrschein kaufen, da kommt sie ja schon…

Und schon saß ich in der Dreier Straßenbahn in Richtung Pfersee.

Als ich meinen Fehler bemerkte und an der nächsten Haltestelle ausstieg, meldete die App zwei Roller an der Luitpoldbrücke, also einen ausgefasst, zur Ampel geschoben und auf Grün gewartet. Ein Kardinalfehler, wie sich herausstellte, denn der Scooter hatte das gleiche Problem wie der, den ich ursprünglich am Textilpalast ausprobiert hatte: Er verweigerte schlicht den Dienst. Doch bis ich das bemerkte, waren schon zwei Minuten vergangen – und Voi berechnete mir für die Fahrt 1,45 Euro. Beim nächsten Roller war ich schlauer: Ich probierte ihn gleich nach dem Entsperren aus – und stellte ebenfalls technisches Versagen fest. Und weil ich dazu nicht lange brauchte, stellte mir Voi diesen Fahrversuch immerhin nicht in Rechnung.

Kurz: Wenn drei von vier Rollern nicht funktionieren, dann mache ich entweder grundsätzlich was falsch, oder Voi hat sich Schrott andrehen lassen.

#wetwecan

Sie haben es geschafft: Die Initiatoren der Bewerbung für die Eintragung der Stadt Augsburg in die Liste des UNESCO Welterbes. Auf ihrer 43. Sitzung in Baku hat die Kulturorganisation der UN 22 Stätten der Augsburger Wasserwirtschaft diesen Status verliehen.

Das Welterbe umfasst 22 Stationen. Zu ihren gehören 10 Wasserkraftwerke, 4 Trinkwasserwerke (Unteres Brunnenwerk, Brunnenwerk am Vogeltor, Wasserwerk am Roten Tor, Hochablass-Wasserwerk), 3 Monumentalbrunnen, der Galgenablass im Stadtwald, das Hochablass-Lechwehr, der Eiskanal, knapp 190 Kilometer Lechkanäle und die Stadtmetzg.

Glückwunsch! Die Augsburger Wasserwirtschaft und alle ihre Förderer haben diese Ehrung – die leider nicht mit irgendwelchen Fördermitteln verbunden ist – mit Sicherheit verdient. Und auch ich als Neu-Augsburger bin immer ganz stolz, wenn ich Gästen den Hochablass oder den Eiskanal zeigen darf.

Andererseits bin ich auch etwas in Sorge: Werden in Zukunft Touristenmassen das Beschauliche, das ich an Augsburg so mag, kaputtmachen? Wenn es in Augsburg an einem schönen Wochenende mal etwas voller ist, kriegt man am Kuhsee immer noch einen Parkplatz, wenn man einen braucht. In München am Langwieder See stauen sich dann schon die Autos bis auf die Autobahn. Werden in Zukunft immer zehn Reisebusse vor dem Hochablass stehen?

Vielleicht ist diese Ehre aber auch der positive Impuls, den Augsburg gut brauchen kann, nach Weltbild-, Ledvance- und Fujitsu-Pleite, nach Geschäftsschließungen am laufenden Meter. Sicher, ein Souvenirshop neben dem anderen in der Altstadt wäre nicht schön. Aber ist ein leerstehender Laden neben dem anderen so viel schöner?

Neulich war ich auf einem Vortrag über die Augsburg-Bewerbung. Da erzählte die Referentin von Kassel. Dort bekam die Wilhelmshöhe den UNESCO-Titel, und am nächsten Tag waren 3.000 (!) Besucher da. Ich war inzwischen mal wieder am Hochablass – da ist noch alles ruhig.

Am nächsten Wochenende wird jedenfalls erst mal gefeiert. Zu Ehren der Ehrung will die Stadt ein Wasser-Fest ausrichten. Mehr dazu unter

www.wassersystem-augsburg.de

Der König von Augsburg

 

Koenig von Augsburg
Der König von Augsburg (CC-BY2.0, Fotograf: Seniju)

Wenn man darüber nachdenkt, wer in Augsburg das Sagen hat, dann fallen einem eigentlich zuerst die Fugger ein, wobei deren Glanzperiode schon eine Weile vorüber ist. Und die Chinesen, die erst Osram und dann Kuka gekauft haben, haben in Augsburg auch nicht mehr so viel zu melden, seitdem Ledvance abgewickelt wurde und Kuka Leute entlässt.

Leute entlassen, das würde Gerhard Hermanutz niemals tun. Denn schließlich ist er König von Augsburg. Gewählt wurde er nicht, aber zu demokratischen Willensbildungsprozessen hat die Aristokratie ja allgemein ein eher abstraktes Verhältnis. Vor 25 Jahren schlüpfte  Hermanutz in diese Rolle. Er lebte bereits seit 1981 in Augsburg, wo auch  seine Mutter lebte. Er hatte schon damals einen Hang zu ausgefallenen Kleidungsstücken, deshalb bastelte er sich irgendwann einmal aus Pappe und Goldfolie eine Krone. Und wurde zum König. „Nachdem ich die Krone in Augsburg alleine trug und mir das niemand nachmachte, musste ich wohl der König sein“, zitiert ihn die Augsburger Allgemeine Zeitung.

Der König ist gern sichtbar, man kann ihn ansprechen – und selbst für Neu-Augsburger dauert es nicht lang, bis man ihm irgendwann einmal in der Innenstadt über den Weg läuft. Gern steht er vor dem Rathaus und schaut auf seine Untertanen. Oder er besucht das Polizeipräsidium oder andere Augsburger Behörden – man muss ja sehen, was die Verwaltung so  macht.

Hermanutz, der übrigens die Anrede „König“ bevorzugt, ist mittlerweile Stoff mehrerer Bücher und Fernseh-Dokus geworden. Im März 2019 feierte ein Film über ihn im Programmkino Liliom Premiere, er ist noch bis Mai jeden Tag dort zu sehen

Der König von Augsburg tut niemandem etwas zuleide und wird deshalb von den Augsburgern toleriert und in Ruhe gelassen. Und ich finde, das sagt viel über die Augsburger aus.

 

Kleine Geschenke unter Freunden

August-GinWas bringt der Neu-Augsburger mit, wenn er auf Besuch ist – vorzugsweise bei Freunden und Verwandten, die Augsburg nicht kennen? Vermutlich die einfachste, naheliegende Lösung sind ein paar Schokostücke mit dem Augsburger Stadtwappen drauf, der Zirbelnuss. Diese Zirbelnuss-Taler kann man bei der Traditions-Konditorei Dichtl kaufen. Man sollte aber vor dem Kauf der recht ambitioniert bepreisten Süßwaren noch einmal einen Blick auf die Schachtel werfen, ob das Ablaufdatum nicht bereits überschritten ist. Ja, einmal dürfen Sie raten, wieso ich diesen Warnhinweis gebe.

Ohne Haltbarkeitsdatum kommt ein anderes Präsent aus, allerdings nicht ohne ein paar Erklärungen. Im Museumsshop des Textilmuseums kann man gewebte Baumwoll-Handtücher kaufen. Einer guten Hausfrau ein solches Präsent in die Hand gedrückt, das kann durchaus für Missverständnisse sorgen. Am Ende glaubt sie noch, man wolle ihr unterstellen, sie habe es nötig, mal ein Putztuch in die Hand zu nehmen. Die Wahrheit ist natürlich eine andere: Die Handtücher, die das Textilmuseum verkauft, wurden auf den Webstühlen im Museum gewebt und mit Originalfarben gefärbt. Das sind Handtücher, wie es sie früher gab – und heute eben nicht mehr. Der eingewebte Augsburg-Schriftzug macht die Tücher unverwechselbar. Und bei Manufaktum wären sie noch teurer, wenn es sie dort gäbe.

Mein persönlicher Geschenk-Favorit ist August. Das ist ein Gin, der in Augsburg hergestellt wird. Er ist nicht ganz billig, aber auch nicht unverschämt teuer. Neulich brachte ich meiner Mutter eine Flasche mit. Sie bedankte sich artig, gab aber später zu verstehen, dass sie eigentlich keine ganz große Gin-Trinkerin sei. Dennoch haben wir beide zu später Stunde einmal einen Schluck probiert. Und wir waren uns einig: Sehr, sehr lecker. Eingentlich ist Gin ja relativ banaler Holunderschnaps, super geeignet, um damit Tonic Water anzureichern. Dafür ist August Gin eigentlich zu schade. Nach Angaben des Herstellers bekommt er seinen Geschmack durch die Zugabe von Gewürzen und Zirbelnuss-Spänen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber das Ergebnis hat wirklich einen sehr vollen, sehr speziellen Geschmack. Wer Angst davor hat, jemandem einen halben Liter Alk zu schenken: Es gibt August auch in 0,2-Liter-Fläschchen. Zu haben in jedem Hipster-Laden in Augsburg, der etwas auf sich hält – aber auch im ganz normalen Getränkefachmarkt.

Im Shopping-Paradies

Dieser Aufkleber ziert in Augsburg jeden zweiten Laden. Während Amazon in Werbemotiven auf den Augsburger Straßenbahnen Aushilfskräfte für sein Logistikzentrum in Graben sucht, fürchtet der lokale Einzelhandel die Konkurrenz aus dem Web. Leicht ist es nicht für die Geschäfte in der Innenstadt – in der Fußgängerzone stehen derzeit mehrere Immobilien leer.

Dabei hat Augsburg eine schöne Innenstadt, viel schöner als die in München. Und auch an verschiedenen Geschäften herrscht kein Mangel – denkt man zunächst.

Nach wiederholten Besuchen musste ich irgendwann an ein DDR-Kaufhaus denken. Ich war mal in einem in Ost-Berlin. Das war vollgestopft mit Waren. Auf den ersten Blick hatten die alles. Nur wenn man etwas Bestimmtes suchte, dann hatten sie genau das nicht.

Ein schönes Beispiel war das Traditionsschuhhaus Leiser in der Steingasse. Kaum in Augsburg angekommen, wollte ich dort mein erstes Augsburger Paar Schuhe kaufen. Dumm nur, dass ich Schuhgröße 47 brauche, der Laden aber nur bis Größe 45 hatte. In München sind Schuhe dieser Größe kein großes Problem, allein in der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz gibt es drei Schuhläden mit passendem Angebot.

Nun ja, inzwischen ist das Schuhhaus Leiser Geschichte, im Herbst 2017 musste es schließen, der Laden steht immer noch leer. Und er ist nicht der einzige. Als ich das letzte Mal dort war, waren rund um den ehemaligen Laden von Leiser sechs Ladengeschäfte verwaist. Wohl gemerkt, wir reden von der Haupt-Fußgängerzone der drittgrößten Stadt Bayerns. Auf gut Bairisch: Es dodelt ganz gewaltig.

Woran liegt das? Zunächst einmal ganz banal am Ladenschlussgesetz. Das wird im Freistaat so streng ausgelegt wie sonst nirgends in der Republik. Bis 20 Uhr dürfen die Geschäfte geöffnet haben, auch am Samstag, am Sonntag ist Ruhe. Hin und wieder beteilige ich mich an Diskussionen darum, ob es nicht sinnvoll wäre, die Ladenöffnungszeiten auszuweiten, und ich höre immer wieder dieselben Argumente, meist vorgetragen von Frauen:

  • Warum denkt denn niemand an die vielen Verkäuferinnen? Die wollen doch auch mal zu ihrer Familie.
  • Wer es nicht schafft, bis 20 Uhr seine Einkäufe zu erledigen, der ist selber schuld. (Variante: Also ich habe es, obwohl alleinerziehend und voll berufstätig, noch immer geschafft, meine Einkäufe zu erledigen).
  • Es ist noch niemand verhungert oder verdurstet.

Tja, und dann kommt man an einer Litfaßsäule vorbei und sieht das hier:

Litfaßsäule mit Stellanzeigen von AmazonIn Graben, nur wenige Kilometer von Augsburg entfernt, unterhält Amazon eins seiner Auslieferungslager. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sucht der Online-Gigant in Augsburg händeringend nach Mitarbeitern, so sehr brummt das Geschäft. E-Commerce wächst jährlich mit acht bis zehn Prozent, während der stationäre Einzelhandel bestenfalls stagniert. In mittleren und kleinen Städten geht er sogar signifikant zurück. Der Handelsforscher Gerrit Heinemann prophezeiht diesen Städten für die Zukunft Leerstände von 40 bis 50 Prozent. Wie stark der E-Commerce zunimmt, merke ich schon abends bei der Parkplatzsuche. In Hochzoll parken nachts dermaßen viele Lieferwagen von Paketdiensten, dass sie den Anwohnern die Parkplätze wegnehmen.

Aber sind längere Ladenöffnungszeiten wirklich die Lösung? Muss man wirklich arme Verkäuferinnen dazu zwingen, 14 Stunden am Tag im Laden zu stehen?

Ich erlaube mir dazu die Sicht eines München-Pendlers. Ich verlasse halb acht Uhr morgens das Haus, spätestens um acht Uhr befinde ich mich nicht mehr im Landkreis Augsburg. Wenn es gut läuft und ich keine Überstunden machen muss, dann sitze ich gegen 17.30 Uhr wieder im Zug nach Augsburg, der ist dann so gegen 18.15 Uhr in Hochzoll. Zu dieser Zeit haben in Hochzoll nur noch die Supermärkte auf, alles andere hat zu. Dasselbe gilt für fast alle anderen Geschäfte, die sich nicht im unmittelbaren Stadtzentrum befinden. Und sogar in der Fußgängerzone in der Innenstadt nutzt längst nicht jeder Laden die schmalen Möglichkeiten des bayrischen Ladenschlussgesetzes aus.  Nehmen wir mal an, so ein Laden hat zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends offen, ich bin aber von 8 Uhr morgens bis 18.15 Uhr abends unterwegs. Wie groß ist da die Chance, dass ich bei dem Laden etwas kaufe?

Nun könnte man natürlich einwenden, dass das ein blödes Luxusproblem eines blöden Münchenpendlers ist, auf dessen Befindlichkeiten im Zweifel geschissen ist. Aber nun nehmen wir mal die in Augsburg lebende Verwaltungsangestellte. Die muss morgens um 9 im Büro sein, vorher bringt sie noch ihr Kind in die Kita. Dann arbeitet sie bis 17 Uhr, holt das Kind aus der Kita – und dann muss sie sich schon sputen, damit sie noch irgendeinen offenen Laden findet. Klar, der Aldi hat bis um 20 Uhr auf, der Rewe auch, aber der kleine Bioladen nicht, der Schreibwarenladen, der Spielzeugladen. Geschäfte wie diese gehen in Augsburg gerade reihenweise baden – wenn sie nicht schon längst baden gegangen sind.

Klar, man kann am Samstag einkaufen gehen, aber vielleicht hat man auch keine Lust, sich jeden Samstag damit zu ruinieren, durch die City zu hechten. Außerdem machen Samstags viele Läden ja schon um 13 Uhr zu, es könnten ja Kunden kommen.

Warum schließen sich nicht mal alle Läden in einem Viertel zusammen und machen einmal die Woche einen Berufstätigen-Tag? Alle machen erst nachmittags um zwei auf, dafür halten sie offen bis 20 Uhr. Das hätte unter anderem den Nebeneffekt, dass die Verkäuferinnen in diesen Läden an diesem „Berufstätigen-Tag“ vormittags das erledigen können, wozu sie unter der Woche nicht kommen, weil sie ja sonst immer auf der Arbeit sind.

Alles ist im Fluss

Augsburg hat eine besondere Beziehung zum Wasser, das merkt der Neu-Augsburger spätestens beim ersten Stadtrundgang. Der Hochablass, eins der markantesten Bauwerke der Stadt, darf in keinem Bericht über die Stadt fehlen. Die Wasserversorgung, mit der Augsburg bereits im Mittelalter sein Stadtgebiet überzog, soll demnächst als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt werden, so die Hoffnung der Förderer dieser Idee. Ob ich diesen Plan gut finde, weiß ich noch nicht, mehr Touristen in der Stadt brauche ich nicht unbedingt. Andererseits: Inhaltlich spricht viel dafür, das Geflecht aus Kanälen, die die Stadt bis heute durchziehen, zum Denkmal zu erheben.

Kanäle hatten andere Städte mit Fluss in der Mitte früher auch. Doch Augsburg unterscheidet sich in zwei Punkten von anderen Städten. Im Gegensatz zu München gibt es die meisten Augsburger Kanäle noch, sie wurde nicht einfach in die Kanalisation verbannt. Und Augsburg ist ganz schön schräg: Zwischen Süden und Norden liegt ein Unterschied von rund 80 Höhenmetern. Das sorgt dafür, dass alle Augsburger Kanäle eins haben: Genug Speed.

Richtig krass ist das mit dem Speed an der Kajak-Wildwasserstrecke, die direkt neben dem Hochablass liegt und für die Olympischen Spiele 1972 gebaut wurde. Sie wird vom Hauptstadtbach mit Wasser versorgt, Eingeweihte nennen sie angeblich nur „die Waschmaschine“.

Doch um seinen Spaß im Fluss zu haben, braucht mal kein Kajak und keinen Sturzhelm. An verschiedenen Stellen der Stadt gibt es öffentlich freigegebene Kanalabschnitte, in denen man sich einfach treiben lassen kann – mit etwas Planung sogar kilometerlang. Und das Beste: Viele dieser Flussbäder kosten noch nicht einmal Eintritt. Und da wir hier nicht in München sind, sondern im entspannten Augsburg, sind sie selbst bei Top Wetterlagen nicht überrannt, sondern höchstens gut besucht.

Den Anfang macht das Fribbebad, ein öffentliches Freibad in Spickel, unweit des zoologischen Gartens. Seit Sommer 2018 gibt es hier ein neues Kinder-Planschparadies – und für die etwas größeren Kinder gibt es den Kaufbach, der in einem Betonbett auf rund 250 Meter Länge das Bad durchfließt. Die Strömung ist hier moderat, das Schweben angenehm. Am Ende gibt es ein Stahlseil zum Festhalten und ein solides Gitter, das vor dem nahenden Wehr schützt. Obwohl viele Locals das Gewässer per Arschbombe betreten, ein Wort zur Vorsicht: Der Kanal ist oft nicht tiefer als 1,25 Meter. Unfachmännisch ausgeführte Kopfsprünge können tragisch enden.

Wer so auf den Geschmack gekommen ist, sollte das Luftbad in Göggingen besuchen. Das „Bad“ ist eine Liegewiese mit zwei Dixi-Klos und zwei Beach-Volleyballfeldern, um den Bewegungsdrang der Jugend zu dämpfen. Die Hauptattraktion ist allerdings der Fabrikkanal, ein Kanal, der aus der nahen Wertach gespeist wird und von dort rund 400 Meter zum freien Treiben einlädt, bevor ein Stahlseil und eine letzte Ausstiegleiter zur Umkehr mahnen. Es ist schlau, dabei nicht nur adrette Badekleidung am Körper zu haben, sondern auch vernünftige Badeschuhe. Denn der Weg zum Einstiegspunkt direkt an der Wertach geht durch einen Wald und über Stock und Stein.

Ein bisschen ein Insidertipp ist die Liegewiese am Proviantbach, direkt neben der Türkspor-Sportanlage. Hier lässt es sich ebenfalls auf rund 300 Metern entspannt treiben, bevor die letzten Ausstiege an der Otto-Lindenmeyer-Straße kommen, die dort den „Bach“ – in Wirklichkeit ist er natürlich ein Kanal – als Brücke überspannt. Wem das noch nicht reicht, der lässt sich einfach weiter treiben und folgt dem Proviantbach bis zur Amagasaki-Allee, die hier den Kanal ebenfalls überquert. Bis hierhin sind noch alle 50 bis 100 Meter Einstiegsleitern vorhanden. Danach geht der Proviantbach noch ein ganzes Stück schnurgeradeaus weiter, wird breiter und ruhiger. Allerdings muss man spätestens am Schlachthof-Quartier wieder draußen sein, weil dort ein Wehr dem entspannnten Treiben ein Ende setzt. Auch hier sind neben adretter Badekleidung gute Badeschuhe Pflicht, denn in allen Augsburger Kanälen können Glasscherben und andere scharfkantige Dinge liegen – außerdem muss man nach dem Badespaß ein ganzes Stück zu Fuß zurücklaufen, um sein Badehandtuch wiederzufinden.

Eher so die Champions League unter den Badekanälen dürfte der Badebereich am Eiskanal in Spickel sein. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, denn eigentlich heißt das Gewässer, das hier durchfließt Hauptstadtbach. Aber das Wasser kommt direkt aus dem Lech, ist entsprechend kalt und wenige Minuten zuvor noch durch die bereits erwähnte „Waschmaschine“ geflossen. Dieses Fließbad ist das einzige mit Wasserwacht-Stützpunkt – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn hier ist die Strömung schon nicht von schlechten Eltern, und wer am Ende den Ausstiegspunkt verpasst, sollte sich unbedingt scharf rechts halten und am Wehr unter der Friedberger Straße hindurch abbiegen und in den Herrenbach weitertreiben. Wer die Rechtskurve verpasst, muss geradeaus durch den stellenweise sehr flachen Kaufbach – und landet schließlich (ohne Eintrittskarte) im Fribbe-Bad.

Ein, zwei Worte der Warnung: Alle beschriebenen Kanäle bekommen von Lech und Wertach (oder besoffenen Zeitgenossen) allen möglichen Kram reingeschwemmt. Wenn auch das Wasser selbst nahezu Gebirgsbachqualität hat, so sollte man wirklich Schuhe tragen, damit man sich nicht irgendwo verletzt. Die Kanäle sind auch teilweise überraschend flach: Wenn man nicht ganz sicher weiß, ob man da einen Kopfsprung reinmachen kann – dann eher nicht. Und man muss es ja keinem verraten, aber niemandem bricht ein Zacken aus der Krone, wenn er vor dem Sprung ins nasse Treiben die geplante Strecke mal in Ruhe abgeht, auf Ausstiegsmöglichkeiten und Wasserstände achtet, die gegebenenfalls an der nächsten Brücke zu Problemen führen könnten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, alles was hier steht, wurde unter Ausschluss der Gewährleistung geschrieben und Eltern haften für ihre Kinder.

Das Bild oben im Beitrag zeigt übrigens den Stadtbach, wie er in der Nähe der alten Stadtmauer vom Unteren Stadtgraben gekreuzt wird. Von den beschrieben Fließbädern habe ich keine Bilder – meine Kamera ist nicht wasserfest.

Biergarten? Biergarten!

Dem Münchner, selbst wenn er eigentlich ein Nordlicht ist, geht der Ruf nach, er pflege eine besondere Affinität zu Biergärten. Ich nehme mich selbst da gar nicht aus. Ich sitze gern im Biergarten, habe kein Problem damit, wenn dort alles ein bisschen legerer zugeht und die Bedienung eher herzlich als formvollendet auftritt. Hauptsache, das Bier ist frisch und die Schmankerln schmecken.

Vor allem letzteres ist – auch in München – keine Selbstverständlichkeit. Schon oft sind wir in Münchner Biergärten essensmäßig mächtig eingegangen. Man hat gelegentlich den Eindruck, dass die Touristenmassen, die Münchner Biergärten das Überleben sichern, keinen guten Einfluss auf das haben, wofür ohne mit der Wimper zu zucken erstaunliches Geld verlangt wird.

Kann Augsburg das besser?

Erste Versuche im Sommer 2017 verliefen durchwachsen. Den vielfach hoch gelobten Biergarten an der Kälberhalle fanden wir so naja, die Zeughausstuben schlicht und einfach desaströs.

Während in München Biergärten oft großgastronomische Betriebe sind, gibt es in Augsburg auch viele Biergärten, die ein bisschen versteckter sind. Zum Beispiel das Bayrische Herzl in der Spitalgasse, nur ein paar Gehminuten von der Augsburger Puppenkiste entfernt. Man erreicht den Biergarten durch einen Torbogen, wo er inmitten mittelalterlicher Häuser einen lauschigen Innenhof füllt. Wirt und Mannschaft legen Wert auf die Tatsache, dass es sich um ein altbayrisches Etablissement handelt, und das, obwohl es westlich des Lechs und damit eindeutig auf schwäbischem Terrain liegt. Dem Besucher erschließt sich das Altbayerntum des Herzls am ehesten durch die Tatsache, dass es dort Erdinger Bier aus Bayern gibt und kein Hasenbräu, das in Wirklichkeit bei Tucher in Nürnberg hergestellt wird.

Ist das wichtig? Der Gast genießt die angenehm ruhige, entspannte Atmosphäre im Herzl, blickt sich zufrieden um und sagt: Ach, woher?

Und er bestellt den Klassiker, das Brotzeitbrettl. Speis‘ und Trank kommen in angemessener Geschwindigkeit, und so sieht das dann aus:

War so lecker, wie es auf dem Bild aussieht, und sogar die Salzstangen im Obazten waren knusprig. Kurz: Da kann man nicht meckern. Ich hab‘ den Preis vergessen, war aber absolut im Rahmen.

Dass das Bayrische Herzl angeblich den ältesten Holzbackofen der Stadt betreibt – geschenkt. Dass es aber eine großzügig bemessene Wasser-Station gibt, an der mitgebrachte Hunde trinken können, fand ich nett. Schließlich soll sich da ja jeder wohl fühlen, auch wenn’s mal wieder Jahrhundertsommer hat.

Fazit: Schöner, angenehmer Biergarten, da gehen wir gerne wieder hin. Neben dem Biergarten gibt es noch eine Wirtschaft, wenn’s draußen greislig ist. Die haben wir aber noch nicht ausprobiert.

Wer’s selbst testen mag: Zum Bayrischen Herzl, Spitalgasse 8, 86150 Augsburg. Parken ist in der Gegend Glückssache, aber von der Citygalerie sind es keine zehn Minuten zu Fuß.

Pass-Angelegenheiten

Als ich im April 2017 Augsburger wurde, ging das eigentlich recht einfach: Die Frau vom Amt im Bürgerbüro Haunstetten nahm meinen Münchner Personalausweis und klebte einen Aufkleber mit meiner neuen Augsburger Adresse drauf. Dass die Ausweise seit 1987 fälschungssicher sind, weiß ich. Dass sie so fälschungssicher sind, war mir neu.

Das nächste Mal, das wusste ich, würde es nicht so einfach gehen. Denn sowohl mein Personalausweis als auch mein Reisepass werden am 1. Juli 2018 ungültig, ich brauche also neue.

Die Website der Stadt Augsburg ist da recht hilfreich. Ich solle einfach nur meine alten Dokumente mitbringen, außerdem aktuelle biometrische Passbilder, hieß es. Und eine Geburtsurkunde, bitte, aber nur wenn ich zuvor noch nie einen Ausweis in Augsburg beantragt hätte.

Geburtsurkunde, really?  Ich beschloss, mein Personalausweis mit Augsburg-Aufkleber müsse langen. Schließlich schickt mir sogar das Finanzamt erfolgreich Forderungsschreiben zu, also gibt es mich offensichtlich.

Passbilder. Wo kriege ich die her? Wäre natürlich praktisch, wenn man die direkt im Bürgerbüro machen könnte, das geht da aber nicht. Andererseits: Erstens muss doch jeder Passbildautomat biometrische Bilder können, heute braucht ja niemand mehr was anderes. Und zweitens ist es mir eigentlich komplett wurscht, wie schön die Bilder in meinem Pass sind, da gucken ja ohnehin nur Grenzer, Zöllner und die Rennleitung drauf.

Ich fahre ja jeden Morgen nach München, und ich weiß genau: Im Zwischengeschoss vom U-Bahnhof am Hauptbahnhof (Linien U4 und U5) steht so ein Automat. Zumindest stand der da früher noch, als ich da jeden Morgen zur Arbeit gefahren bin. Also einen Tag vor dem Termin dort hin, und tatsächlich, das Teil steht noch da, also rein:

Der Automat wird von Gebr. Zoells betrieben, das sind die, die auch die ganzen Getränke- und Süßigkeitenautomaten am Münchner Hauptbahnhof betreiben. Natürlich kann der Automat auch biometrische Bilder, aber nur in Farbe, kosten sechs Euro für vier Stück. Nachdem ich mich mit der bescheuerten Benutzerführung angefreundet und es geschafft habe, bei der Aufnahme nicht zu blinzeln, halte ich wenige Minuten später vier unglaublich unvorteilhaft aussehende Bilder in der Hand, die aber – das hat der Automat zuvor ausgiebig überprüft – garantiert biometrisch sind.

Am nächsten Morgen ist mein Termin am Amt, genauer: Im Bürgerbüro Haunstetten in der Tattenbachstraße. Das Büro kenne ich schon, da habe ich mich vor einem Jahr angemeldet. Die Online-Terminreservierung hatte damals perfekt funktioniert, also habe ich mir wieder einen Termin geholt, am Dienstag um 8.45.

Nur blöd, dass es die Tattenbachstraße an diesem Dienstag nicht mehr gibt. Sie wurde entfernt von einer Armada von Baumaschinen. Wo es letztes Jahr noch eine Straße gab, gähnt jetzt ein leeres Kiesbett. Parkplätze gibt es auch keine, aber ich bin mit dem Motorrad da, da kann man mit dem Parkplatzthema kreativ umgehen.

Es ist 8.20 Uhr als ich mit bester Laune das Amt betrete. Mein Plan: Pass und Perso beantragen, und dann mit dem Motorrad in die Arbeit. Ist schließlich blendendes Wetter. Als ich reinkomme, sagt die Frau am Schalter: „Ihr Termin ist ja erst um 8.45 Uhr, aber Sie sind ja schon da! Wenn Sie wollen, kriegen Sie gleich einen Termin.“

Ja, ich will. Wird ein guter Tag, glaube ich.

Wohl eher doch nicht, wenn es nach dem Sachbearbeiter geht, der meine Passbilder prüft. „Haben Sie noch andere“, fragt er mit sauertöpfischer Mine, „die hier sind nicht biometrisch.“ Ich bleibe freundlich: „Nicht biometrisch? Kann gar nicht sein. Der Automat hat die Bilder durchgerechnet und behauptet, die wären biometrisch.“ „Nein“, versteigt sich der Amtmann in Widerworte, „diese Bilder kann ich nicht akzeptieren. Sehen Sie, die haben einen völlig ungleichmäßigen Hintergrund. Sie brauchen neue Bilder.“

Meine Stimmung bekommt Risse. Normalerweise bin ich zu Bütteln des Staates freundlich bis zur hündischen Servilität, weil ich weiß, dass man damit bei diesen Menschen am weitesten kommt. Doch wenn die Freundlichkeit nicht weiter hilft, setzt schnell die Erkenntnis ein, dass ich den Mann bezahle und nicht er mich. Und dass er mich bitte nicht von der Arbeit abhalten möge, denn sonst steht in letzter Konsequenz mein Gehalt auf dem Spiel – und damit auch seins.

Doch auch meine zum Ausdruck gebrachte Unzufriedenheit mit dem Verlauf des Beratungsgesprächs ändert an dessen Ergebnis nichts: Ich brauche neue Passbilder.

Also wieder raus aus dem Amt, das Smartphone gezückt. Wo ist denn hier der nächste Fotograf? 800 Meter weg, sagt Google Maps, in der Alpenrosenstraße. Kein Ding, denke ich und schwinge mich aufs Kraftrad.

Doch ein Ding, denn die Adresse gibt es wohl, allein: Dort gibt es keinen Fotografen (mehr).

So ganz langsam beginnt meine Laune endgültig zu kippen.

Google Maps bietet mir einen weiteren Fotografen an, die Firma Langer in der Bürgermeister-Wohlfahrt-Straße in Königsbrunn, knapp drei Kilometer die Hauptstraße lang. Oh Mann, ob das heute noch was wird?

Wenige Minuten später stehe ich vor einem kleinen Fotogeschäft, in dem ich nicht zwingend eine große Fotoausrüstung würde kaufen wollen. Aber der Herr des Ladens und ich werden schnell einig. Passbilder bitte, biometrisch, bitte. Und wenn’s ruck-zuck ginge, wäre das kein Fehler.

Gefühlt fünf Minuten und 13 Euro später bin ich im Besitz von vier astrein-biometrischen, knackscharfen Porträtbildern von mir. Ich bin zufrieden. So gelassen-souverän wie auf diesen Bildern wurden von mir Zöllner, Grenzer und Polizisten selten angesehen. Also wieder aufs Krad und ab in die Tattenbachstraße, inzwischen ist es fast halb zehn.

Bei der netten Dame am zentralen Empfang versuche ich gleich eine prophylaktische Charme-Offensive: „Bitte, Sie müssen mir jetzt den Tag retten. Ich war vorhin schon mal hier, hatte einen Termin, aber meine Passbilder haben nicht getaugt. Jetzt habe ich welche, die taugen, aber keinen Termin. Und ich hab’s echt eilig, ich muss doch noch nach München auf die Arbeit.“ Mein Charme verfängt, oder sie will einfach nur den großen, dicken Mann mit den Motorradklamotten vom Schalter haben. „Na, dann gebe ich Ihnen am besten den nächsten freien Termin, der ist… genau jetzt!“

Der nächste Amtmann ist wesentlich kooperativer. Er gleicht mit mir meine Daten ab, betrachtet meine neuen Passbilder wohlwollend, will auch noch mal die anderen sehen: „Nein, die gehen wirklich nicht, da muss ich dem Kollegen recht geben.“ Der Rest des Verwaltungsaktes birgt einige Überraschungen. Über 90 Euro verlangt der Staat von mir, damit ich mich ihm gegenüber auch künftig ausweisen kann. Und meine Fingerabdrücke muss ich auch abgeben. Unwillkürlich frage ich mich, wieso ich erkennungsdienstlich behandelt werde, während Tausende illegal… Naja, egal, muss ich halt beim nächsten Bruch Handschuhe tragen.

Mein neuer Personalausweis, klärt er mich auf, hat eine Online-Funktion, die Geheimnummer dazu muss ich selbst festlegen. Diese Online-Funktion wollen offenbar viele Bürger nicht, in der Vergangenheit wurde sie bei den meisten Beantragungen abgewählt. Deshalb, so stellen der Amtmann und ich nicht ohne ein ironisches Zucken im Mundwinkel fest, gibt es diese Wahl nicht mehr – mein neuer Perso wird online-fähig, ob ich will oder nicht. Vier Wochen müsse ich auf den neuen Perso warten, auf den Reisepass eher sechs.

Ganz so lang dauert es dann doch nicht. Drei Wochen später trudelt eine Mail vom Passamt ein, mein Perso sei fertig. Zwei Tage später kommt auch der Brief mit den Geheimzahlen. Und genau rechtzeitig zum Brückentag nach Fronleichnam ereilt mich die Nachricht: Der Pass wär‘ jetzt auch da.

Was immer noch durch Abwesenheit glänzt, ist die Tattenbachstraße. Zwar hat die ausführende Baufirma in den rund dreieinhalb Wochen nach meinem letzten Besuch beim Bürgerbüro Haustetten die Baumaschinen in ein neues Ensemble gruppiert, aber das Kiesbett sieht immer noch genauso aus.

Diesmal habe ich keinen Termin, ich brauche auch keinen, hat es geheißen. Dummerweise bin ich nicht der einzige, der am Brückentag seine Amtsgeschäfte im Bürgerbüro erledigen will.

Nach einer guten Viertelstunde Schlangestehen händigt mir die nette Dame vom Empfang endlich meine neuen Papiere aus. In Zukunft, so verspricht die Website zum neuen Personalausweis, könne ich viele Amtsgeschäfte auch von zuhause aus am Computer machen.

Andererseits: Die nette Dame am Empfang würde ich schon vermissen.