Alles ist im Fluss

Augsburg hat eine besondere Beziehung zum Wasser, das merkt der Neu-Augsburger spätestens beim ersten Stadtrundgang. Der Hochablass, eins der markantesten Bauwerke der Stadt, darf in keinem Bericht über die Stadt fehlen. Die Wasserversorgung, mit der Augsburg bereits im Mittelalter sein Stadtgebiet überzog, soll demnächst als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt werden, so die Hoffnung der Förderer dieser Idee. Ob ich diesen Plan gut finde, weiß ich noch nicht, mehr Touristen in der Stadt brauche ich nicht unbedingt. Andererseits: Inhaltlich spricht viel dafür, das Geflecht aus Kanälen, die die Stadt bis heute durchziehen, zum Denkmal zu erheben.

Kanäle hatten andere Städte mit Fluss in der Mitte früher auch. Doch Augsburg unterscheidet sich in zwei Punkten von anderen Städten. Im Gegensatz zu München gibt es die meisten Augsburger Kanäle noch, sie wurde nicht einfach in die Kanalisation verbannt. Und Augsburg ist ganz schön schräg: Zwischen Süden und Norden liegt ein Unterschied von rund 80 Höhenmetern. Das sorgt dafür, dass alle Augsburger Kanäle eins haben: Genug Speed.

Richtig krass ist das mit dem Speed an der Kajak-Wildwasserstrecke, die direkt neben dem Hochablass liegt und für die Olympischen Spiele 1972 gebaut wurde. Sie wird vom Hauptstadtbach mit Wasser versorgt, Eingeweihte nennen sie angeblich nur „die Waschmaschine“.

Doch um seinen Spaß im Fluss zu haben, braucht mal kein Kajak und keinen Sturzhelm. An verschiedenen Stellen der Stadt gibt es öffentlich freigegebene Kanalabschnitte, in denen man sich einfach treiben lassen kann – mit etwas Planung sogar kilometerlang. Und das Beste: Viele dieser Flussbäder kosten noch nicht einmal Eintritt. Und da wir hier nicht in München sind, sondern im entspannten Augsburg, sind sie selbst bei Top Wetterlagen nicht überrannt, sondern höchstens gut besucht.

Den Anfang macht das Fribbebad, ein öffentliches Freibad in Spickel, unweit des zoologischen Gartens. Seit Sommer 2018 gibt es hier ein neues Kinder-Planschparadies – und für die etwas größeren Kinder gibt es den Kaufbach, der in einem Betonbett auf rund 250 Meter Länge das Bad durchfließt. Die Strömung ist hier moderat, das Schweben angenehm. Am Ende gibt es ein Stahlseil zum Festhalten und ein solides Gitter, das vor dem nahenden Wehr schützt. Obwohl viele Locals das Gewässer per Arschbombe betreten, ein Wort zur Vorsicht: Der Kanal ist oft nicht tiefer als 1,25 Meter. Unfachmännisch ausgeführte Kopfsprünge können tragisch enden.

Wer so auf den Geschmack gekommen ist, sollte das Luftbad in Göggingen besuchen. Das „Bad“ ist eine Liegewiese mit zwei Dixi-Klos und zwei Beach-Volleyballfeldern, um den Bewegungsdrang der Jugend zu dämpfen. Die Hauptattraktion ist allerdings der Fabrikkanal, ein Kanal, der aus der nahen Wertach gespeist wird und von dort rund 400 Meter zum freien Treiben einlädt, bevor ein Stahlseil und eine letzte Ausstiegleiter zur Umkehr mahnen. Es ist schlau, dabei nicht nur adrette Badekleidung am Körper zu haben, sondern auch vernünftige Badeschuhe. Denn der Weg zum Einstiegspunkt direkt an der Wertach geht durch einen Wald und über Stock und Stein.

Ein bisschen ein Insidertipp ist die Liegewiese am Proviantbach, direkt neben der Türkspor-Sportanlage. Hier lässt es sich ebenfalls auf rund 300 Metern entspannt treiben, bevor die letzten Ausstiege an der Otto-Lindenmeyer-Straße kommen, die dort den „Bach“ – in Wirklichkeit ist er natürlich ein Kanal – als Brücke überspannt. Wem das noch nicht reicht, der lässt sich einfach weiter treiben und folgt dem Proviantbach bis zur Amagasaki-Allee, die hier den Kanal ebenfalls überquert. Bis hierhin sind noch alle 50 bis 100 Meter Einstiegsleitern vorhanden. Danach geht der Proviantbach noch ein ganzes Stück schnurgeradeaus weiter, wird breiter und ruhiger. Allerdings muss man spätestens am Schlachthof-Quartier wieder draußen sein, weil dort ein Wehr dem entspannnten Treiben ein Ende setzt. Auch hier sind neben adretter Badekleidung gute Badeschuhe Pflicht, denn in allen Augsburger Kanälen können Glasscherben und andere scharfkantige Dinge liegen – außerdem muss man nach dem Badespaß ein ganzes Stück zu Fuß zurücklaufen, um sein Badehandtuch wiederzufinden.

Eher so die Champions League unter den Badekanälen dürfte der Badebereich am Eiskanal in Spickel sein. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, denn eigentlich heißt das Gewässer, das hier durchfließt Hauptstadtbach. Aber das Wasser kommt direkt aus dem Lech, ist entsprechend kalt und wenige Minuten zuvor noch durch die bereits erwähnte „Waschmaschine“ geflossen. Dieses Fließbad ist das einzige mit Wasserwacht-Stützpunkt – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn hier ist die Strömung schon nicht von schlechten Eltern, und wer am Ende den Ausstiegspunkt verpasst, sollte sich unbedingt scharf rechts halten und am Wehr unter der Friedberger Straße hindurch abbiegen und in den Herrenbach weitertreiben. Wer die Rechtskurve verpasst, muss geradeaus durch den stellenweise sehr flachen Kaufbach – und landet schließlich (ohne Eintrittskarte) im Fribbe-Bad.

Ein, zwei Worte der Warnung: Alle beschriebenen Kanäle bekommen von Lech und Wertach (oder besoffenen Zeitgenossen) allen möglichen Kram reingeschwemmt. Wenn auch das Wasser selbst nahezu Gebirgsbachqualität hat, so sollte man wirklich Schuhe tragen, damit man sich nicht irgendwo verletzt. Die Kanäle sind auch teilweise überraschend flach: Wenn man nicht ganz sicher weiß, ob man da einen Kopfsprung reinmachen kann – dann eher nicht. Und man muss es ja keinem verraten, aber niemandem bricht ein Zacken aus der Krone, wenn er vor dem Sprung ins nasse Treiben die geplante Strecke mal in Ruhe abgeht, auf Ausstiegsmöglichkeiten und Wasserstände achtet, die gegebenenfalls an der nächsten Brücke zu Problemen führen könnten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, alles was hier steht, wurde unter Ausschluss der Gewährleistung geschrieben und Eltern haften für ihre Kinder.

Das Bild oben im Beitrag zeigt übrigens den Stadtbach, wie er in der Nähe der alten Stadtmauer vom Unteren Stadtgraben gekreuzt wird. Von den beschrieben Fließbädern habe ich keine Bilder – meine Kamera ist nicht wasserfest.

Biergarten? Biergarten!

Dem Münchner, selbst wenn er eigentlich ein Nordlicht ist, geht der Ruf nach, er pflege eine besondere Affinität zu Biergärten. Ich nehme mich selbst da gar nicht aus. Ich sitze gern im Biergarten, habe kein Problem damit, wenn dort alles ein bisschen legerer zugeht und die Bedienung eher herzlich als formvollendet auftritt. Hauptsache, das Bier ist frisch und die Schmankerln schmecken.

Vor allem letzteres ist – auch in München – keine Selbstverständlichkeit. Schon oft sind wir in Münchner Biergärten essensmäßig mächtig eingegangen. Man hat gelegentlich den Eindruck, dass die Touristenmassen, die Münchner Biergärten das Überleben sichern, keinen guten Einfluss auf das haben, wofür ohne mit der Wimper zu zucken erstaunliches Geld verlangt wird.

Kann Augsburg das besser?

Erste Versuche im Sommer 2017 verliefen durchwachsen. Den vielfach hoch gelobten Biergarten an der Kälberhalle fanden wir so naja, die Zeughausstuben schlicht und einfach desaströs.

Während in München Biergärten oft großgastronomische Betriebe sind, gibt es in Augsburg auch viele Biergärten, die ein bisschen versteckter sind. Zum Beispiel das Bayrische Herzl in der Spitalgasse, nur ein paar Gehminuten von der Augsburger Puppenkiste entfernt. Man erreicht den Biergarten durch einen Torbogen, wo er inmitten mittelalterlicher Häuser einen lauschigen Innenhof füllt. Wirt und Mannschaft legen Wert auf die Tatsache, dass es sich um ein altbayrisches Etablissement handelt, und das, obwohl es westlich des Lechs und damit eindeutig auf schwäbischem Terrain liegt. Dem Besucher erschließt sich das Altbayerntum des Herzls am ehesten durch die Tatsache, dass es dort Erdinger Bier aus Bayern gibt und kein Hasenbräu, das in Wirklichkeit bei Tucher in Nürnberg hergestellt wird.

Ist das wichtig? Der Gast genießt die angenehm ruhige, entspannte Atmosphäre im Herzl, blickt sich zufrieden um und sagt: Ach, woher?

Und er bestellt den Klassiker, das Brotzeitbrettl. Speis‘ und Trank kommen in angemessener Geschwindigkeit, und so sieht das dann aus:

War so lecker, wie es auf dem Bild aussieht, und sogar die Salzstangen im Obazten waren knusprig. Kurz: Da kann man nicht meckern. Ich hab‘ den Preis vergessen, war aber absolut im Rahmen.

Dass das Bayrische Herzl angeblich den ältesten Holzbackofen der Stadt betreibt – geschenkt. Dass es aber eine großzügig bemessene Wasser-Station gibt, an der mitgebrachte Hunde trinken können, fand ich nett. Schließlich soll sich da ja jeder wohl fühlen, auch wenn’s mal wieder Jahrhundertsommer hat.

Fazit: Schöner, angenehmer Biergarten, da gehen wir gerne wieder hin. Neben dem Biergarten gibt es noch eine Wirtschaft, wenn’s draußen greislig ist. Die haben wir aber noch nicht ausprobiert.

Wer’s selbst testen mag: Zum Bayrischen Herzl, Spitalgasse 8, 86150 Augsburg. Parken ist in der Gegend Glückssache, aber von der Citygalerie sind es keine zehn Minuten zu Fuß.