S‘dodelt

Als wir am Ostersamstag 2017 in unsere neue Wohnung in Augsburg-Hochzoll zogen, da wussten wir noch nicht, was sich die nächsten zwölf Monate in unmittelbarer Nähe zu unserem neuen Zuhause abspielen sollte.

Am Dienstag nach Ostern begannen die Bauarbeiten. Am 12-Apostel-Platz, einem rund 50 mal 50 Meter großer Platz zwischen der gleichnamigen Kirche und einem atriumförmig angelegten Ensemble aus Wohn- und Geschäftsräumen wurde aufgerissen.

Zwei Wochen später berichtete die Stadt Augsburg stolz auf ihrer Website vom feierlichen Spatenstich im Beisein des Oberbürgermeisters Kurt Gribl:

Der in die Jahre gekommene 12-Apostel-Platz im Stadtteil Hochzoll wird neugestaltet. Für viele Bewohner von Hochzoll-Süd ist der Platz ein tägliches Ziel. Zahlreiche Einzelhandels-Geschäfte wie Bäcker und Schreibwaren sowie Arztpraxen, Friseur und Restaurants sind direkt vor Ort. Mittwochs und freitags findet hier der Wochenmarkt statt. 12-Apostel-Kirche und Turnhalle sind ebenfalls an diesem Stadtteilzentrum angesiedelt

„Zahlreiche Einzelhandels-Geschäfte wie Bäcker und Schreibwaren sowie Arztpraxen, Friseur und Restaurants sind direkt vor Ort“ – nun, das dürfte die Übertreibung des Jahrhunderts sein. Der Metzger, der dort ansässig war, schloss seine Pforten rechtzeitig vor dem Umbau. Soweit man von klassischem Einzelhandel reden kann, befinden sich dort ein kleines Schreibwarengeschäft, in dem man auch Pakete abgeben kann, ein Optiker, außerdem der Öko-Bäcker Schubert. Ansonsten: Eine Apotheke, die wohl unfreundlichste Filiale der Stadtparkasse Augsburg, eine Versicherungsagentur, eine Hebammenpraxis und eine Fußpflegestation.

Einkaufen? Was denn? Was es dort nicht gibt, ist zum Beispiel ein Supermarkt. Platz wäre da, denn hier war früher mal ein Edeka drin:

Doch der Laden steht – ebenso wie das verlassene Metzgergeschäft – leer. Ein Restaurant gibt es am 12-Apostel-Platz natürlich auch nicht, nach 18 Uhr ist er verwaist.

Die Umgestaltung des Platzes hat die Stadt eine Million Euro gekostet – und infrastrukturmäßig nichts gebracht. Zweimal in der Woche findet auf dem Platz ein Wochenmarkt statt, der durchaus Anklang findet, und dann kehrt wieder Ödnis ein. In Hochzoll-Süd leben über 10.000 Menschen. Die könnten durchaus einen Supermarkt gebrauchen, aber warum kriegen sie keinen in ihrer Mitte?

Verlassene Gewerbeimmobilien sind in Augsburg keine Seltenheit. In der Reichenberger Straße, direkt neben dem Textilpalast, steht ein Riesenklotz aus Glas und Beton, der mal ein Obi-Baumarkt war. Danach versuchte Wöhrl dort ein Mode-Outlet zu etablieren, offenbar auch erfolglos. Jetzt steht die Riesen-Anlage leer, bereits seit mehreren Jahren.

Dass Augsburg erkennbar ein Einzelhandelsproblem hat, bemerkt jeder, der mit offenen Augen durch die Innenstadt geht. Der ehemalige Woolworth in der Annastraße steht angeblich schon seit zehn Jahren leer. Zeitweilig habe ich in dieser Straße in der Fußgängerzone auf weniger als 300 Meter sechs leere Geschäftslokale gezählt.

Es heißt, die Gewerbemieten in der Innenstadt seien zu hoch. Offenbar ist es billiger, Geschäfte leer stehen zu lassen als sie günstig zu vermieten. Ich finde das ein Unding. Schließlich ist ein Supermarkt oder ein Baumarkt an sich ja kein architektonisches Schmuckstück. Doch wenn er einfach jahrelang unbenutzt leer steht, verkommt er zur Ruine, die die ganze Gegend runterzieht.

Brecht hatte nicht recht

Der Dichter, dem sein Leben lang ein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimatstadt nachgesagt wurde, soll einmal gesagt haben:

Das Beste an Augsburg ist der Zug nach München

Nun ja, es gibt sicherlich das Eine oder Andere, was in München schöner, eleganter oder besser ist als in Augsburg – also mit etwas Überlegung fällt mir da sicher was ein.

Aber Dinge, die in Augsburg besser funktionieren als der Zug nach München – da würden mir sofort zwei Dutzend Sachen einfallen.

Gerade sitze ich im Zug von München nach Augsburg – zwei Stunden später als geplant. Grund dafür ist angeblich ein Notarzteinsatz am Bahnhof Pasing. Dafür müsse ich Verständnis haben, sagten mir die völlig überforderten Bahner, auf die ich auf meiner Odyssee über den Münchner Hauptbahnhof traf. Nein, habe ich eigentlich nicht. Genauer gesagt habe ich kein Verständnis dafür, dass es die Bahn immer wieder komplett unvorbereitet trifft, wenn irgendein Ereignis ihren Plan stört.

Kaum einer mit einem Herzen im Brustkorb hat ein Problem damit, bei einem unvorhergesehenen Unglücksfall auch mal warten zu müssen. Doch womit ich ein Problem habe, das ist die Kommunikation der Bahnmitarbeiter miteinander und mit der zahlenden Kundschaft. Die bricht nämlich regelmäßig zusammen, wenn mal was Unvorhergesehenes passiert. Und dann wird man von Gleis 13 zu Gleis 29 geschickt, wo zwar ein Zug nach Treuchtlingen steht, der so voll ist, dass niemand mehr reinpasst. Aber der Zugteil nach Ulm, der eigentlich noch dazu kommen müsste, kommt dann nicht – zur völligen Überraschung der Bahnmitarbeiter am Bahnsteig.

Und so etwas passiert andauernd, nicht nur wenn in Pasing mal wieder einer vor den Zug gesprungen ist.

Es will nicht in meinen Kopf, dass ein Unternehmen mit zigtausend Mitarbeitern keinen Plan B hat, falls Plan A nicht funktioniert. Und vielleicht sollte sich unser Verkehrsministerdarsteller mal Gedanken machen, wie man den Zugverkehr besser gegen Störungen absichern kann, bevor er sich mit E-Rollern befasst.