Auf der Rolle

Das ist einer von 50 E-Scootern des Anbieters Voi, die seit Anfang Juli 2019 in der Augsburger Innenstadt unterwegs sind. Dass es 50 Stück sind, stand in einem Bericht der Augsburger Allgemeinen zum Start des Systems. Es können aber inzwischen auch mehr geworden sein, gefühlt sieht man die Dinger an jeder Ecke.

Als Neu-Augsburger konnte ich es kaum fassen, dass ein dermaßen neues Verkehrssystem tatsächlich gleich auch bei uns verfügbar ist, nur wenige Wochen nach dem Start in München. In Berlin fluchen sie inzwischen über die Dinger, dort soll es inzwischen 4.800 davon geben, und zwar nicht über die ganze Stadt verteilt, sondern vor allem in Mitte und Kreuzberg. Einen sinnvollen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten sie nicht, sagen Anwohner. In erster Linie dienen sie wohl zur Touristenbespaßung.

Jetzt also auch Augsburg.

Für alle, die nicht wissen, wie das mit den Rollern geht, hier eine kurze Anleitung:

  1. Man braucht eine App. Jeder der Anbieter, die auf dem Markt unterwegs ist, hat seine eigene App. Man lädt sich die jeweilige App aufs Smartphone, registriert sich und gibt auch eine Zahlungsmethode ein (ich habe mich für Kreditkarte entschieden). Wenn man das unterwegs machen will, weil da zufällig so ein Scooter steht, geht das ganz einfach: Jeder Scooter hat oben am Lenker einen QR-Code aufgedruckt, den scannt man ein, dann wird automatisch die App geöffnet – oder man kommt auf den Download-Link zur App.
  2. Scooter finden. Wenn man die App startet, landet man auf einer Landkarte, auf der die Standorte der Roller verzeichnet sind, die gerade frei sind. Man sucht sich den nächstgelegenen aus und geht hin. Wenn man in der App auf das einzelne Roller-Symbol tippt, sieht man auch den Ladestand. Bei einer Reichweite von bestenfalls 30 km keine unwichtige Anzeige.
  3. Fahren. Hat man seinen Scooter gefunden, scannt man den QR-Code ein und entsperrt ihm. Der Roller piepst zur Bestätigung. Nun kann man losfahren. Der Motor setzt allerdings erst ein, wenn der Scooter rollt, deshalb ein paarmal treten, dann mit dem rechten Daumen den Knopf am Lenker drücken, und der Scooter setzt sich aus eigener Kraft in Bewegung. Nach meinem Eindruck arbeitet der Knopf digital, es gibt nur „an“ und „aus“, kein „Halbgas“. Gebremst wird mit dem Griff am linken Lenkerende, er betätigt die Vorderradbremse. Außerdem kann man mit dem Fuß auf den hinteren Kotflügel treten, damit bremst man das Hinterrad. Knapp 20 km/h soll so ein Voi-Scooter erreichen, ich halte 16 km/h für realistischer.
  4. Abstellen. Ist man am Ziel angekommen, parkt man den Roller an einer gut zugänglichen Stelle auf dem Bürgersteig. Dann beendet man mit der App die Fahrt, wobei man entweder die Miete beenden oder den Roller „parken“ kann. Er ist dann gesperrt, die Miete läuft weiter, der Roller wartet. Danach will Voi, dass man die Fahrt bewertet und dass man am Schluss ein Foto von dem Roller macht – das kann man aber auch überspringen.

Screenshot Voi App Wichtig zu wissen: Man darf den Scooter nur im Geschäftsgebiet abstellen, das wird im Osten vom Lech begrenzt, im Westen von der Wertach, im Süden ist bei der B300 Schluss, im Norden etwa beim MAN.

Der Voi-Scooter in der Praxis

Gestern habe ich, einer spontanen Eingebung folgend, das Ding mal ausprobiert. Ich war auf der Berliner Allee mit dem Auto unterwegs und wollte eigentlich in die Bahnhofsstraße. Die Voi-App meldete einen Scooter am Textilpalast, er stand hinten beim Radl-Bauer. Also Auto geparkt, Roller entsperrt und – nix. Der Roller weigerte sich, aus eigener Kraft zu laufen. Selbst nachdem ich ihn mit ein paar Tritten auf Touren gebracht hatte, reagierte er nicht auf den „Gas-Knopf“. Also wieder abgestellt, abgemeldet – und eine positive Überraschung: Die Fahrt wurde mir nicht berechnet. Aber ich hatte Blut geleckt. Die App meldete den nächsten Roller am Proviantbach, also nächster Versuch – und der Roller fuhr!

Voi-Roller fahren ist eine gemächliche Geschichte, was angesichts der winzigen Räder und der mäßigen Bremsen kein Fehler ist. Beim Druck auf den Knopf setzt nicht wirklich Beschleunigung ein, es ist eher so, dass der Roller Geschwindigkeit aufbaut. Man ist damit deutlich schneller als alle Fußgänger, für engagierte Radfahrer und erst recht für Autofahrer ist man dagegen eher ein Verkehrshindernis. Bei der Bewertung der Gesamtperformance sollte man allerdings berücksichtigen, dass der Autor dieser Zeilen ein überaus wohlgenährter Geselle ist und um die zwei Meter misst.

Die Grenzen des Vortriebs zeigten sich am Lonhardsberg, wo die Power des Scooters einfach nicht mehr langte, um uns beide voranzubringen. Die Lösung: Mittreten. Das ist zwar bei 35 Grad nicht so ein wahnsinniger Spaß, aber den Berg zu Fuß hochlatschen erst recht nicht. Schließlich kam ich nach 20 Minuten Fahrt in der Bahnhofstraße an, stellte den Roller ab, beendete die Fahrt und ging einkaufen. Die Kosten: Ein Euro fürs Entsperren, 15 Cent pro Minute, macht 4 Euro. Der AVV wäre billiger, aber nicht schneller.

Nicht jeder Voi geht.

Nach dem Einkaufen wollte ich mit dem Roller zurück zum Auto fahren, ich freute mich schon auf die rasante Bergabpassage am Leonhardsberg – aber er war nicht mehr da. Die App zeigte auch keinen freien Scooter in der Nähe. Also am besten in die Sechser Straßenbahn, und dann am Textilmuseum wieder raus, wann kommt die denn, oh schon in einer Minute, schnell noch einen Fahrschein kaufen, da kommt sie ja schon…

Und schon saß ich in der Dreier Straßenbahn in Richtung Pfersee.

Als ich meinen Fehler bemerkte und an der nächsten Haltestelle ausstieg, meldete die App zwei Roller an der Luitpoldbrücke, also einen ausgefasst, zur Ampel geschoben und auf Grün gewartet. Ein Kardinalfehler, wie sich herausstellte, denn der Scooter hatte das gleiche Problem wie der, den ich ursprünglich am Textilpalast ausprobiert hatte: Er verweigerte schlicht den Dienst. Doch bis ich das bemerkte, waren schon zwei Minuten vergangen – und Voi berechnete mir für die Fahrt 1,45 Euro. Beim nächsten Roller war ich schlauer: Ich probierte ihn gleich nach dem Entsperren aus – und stellte ebenfalls technisches Versagen fest. Und weil ich dazu nicht lange brauchte, stellte mir Voi diesen Fahrversuch immerhin nicht in Rechnung.

Kurz: Wenn drei von vier Rollern nicht funktionieren, dann mache ich entweder grundsätzlich was falsch, oder Voi hat sich Schrott andrehen lassen.

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