Der Augsburger am Steuer

Wenn man ein Auto versichern möchte, spielt für die Bemessung der Beitragshöhe neben dem Fahrzeugtyp und der eigenen Fahrpraxis auch die so genannte Regionalklasse eine Rolle. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) ordnet jedem Zulassungsbezirk in Deutschland einen Wert zwischen 1 und 12 zu, je nach Unfallgefahr – die so genannte Regionalklasse. Wer zum Beispiel sein Auto in Wunsiedel (Regionalklasse 1) zulässt, kommt billig davon. Ansbach (Land) und Coburg (Land) sind ebenfalls recht sicheres Terrain – Klasse 2.

Augsburg hat Regionalklasse 12. Schlimmer geht es nicht.

Woran das liegen könnte, wird dem Neubürger schnell klar, wenn er mit dem Auto durch die Stadt fährt. Denn der Augsburger legt seine angenehme Gelassenheit ab, sobald er sich hinter das Steuer eines Autos setzt.

Es ist zum Beispiel nicht nötig, an einer Ampel selbst darauf zu achten, wann es grün wird. Denn wenn man nicht spätestens nach 0,5 Sekunden nach Umspringen der Ampel vorangeprescht ist, ertönt von hinten die erste Hupe. So richtig geduldig ist der Augsburger nicht. Zumindest nicht im Auto.

Auch das Konzept des Sicherheitsabstandes hat sich in Augsburg nicht wirklich durchgesetzt. Zwei Meter müssen oft reichen, egal ob man zumindest theoretisch überholen könnte oder nicht. Was das soll? Unklar.

Eine nur mäßig belastbare Arbeitsthese könnte lauten, dass es in Augsburg viele Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die ihren Führerschein nicht in Deutschland gemacht haben und die es einfach nicht besser wissen. Aber wer weiß, vielleicht ist auch was im Trinkwasser. Oder die fette Antenne auf dem Kongresscenter sendet doch was anderes als Mobilfunksignale.

Für eine solche, durch lokale Faktoren hervorgerufene Bedrohungslage spricht auch die Situation in den angrenzenden Landkreisen. Augsburg (Land), Landsberg am Lech und Aichach-Friedberg rangieren alle in Regionalklasse 9, nicht so schlimm wie Augsburg-Stadt, aber immer noch klar über dem Bayern-Durchschnitt. Und dass man beim Verlassen eines Kreisels den Blinker setzt, ist Geheimwissen, von dem man hier noch nichts gehört hat.

Der Augsburger hält sich auch nicht gern an Tempolimits. Wer glaubt, ein Schluck über Limit sei schnell genug, staunt nicht schlecht, wenn ein SUV mit einheimischer Nummer und Tempo 80 innerorts an ihm vorbeifliegt.

Die Stadtverwaltung kann dies alles natürlich nicht tolerieren – und hält tapfer dagegen: Mit höchst skurrilen Verkehrsführungen, einer errativen Tempolimit-Verteilung und einer stattlichen Anzahl von Poliscan-Blitzgeräten. Das sind die fiesen Dinger, die in alle Richtungen messen können.

Doch ist es in München wirklich besser? Glaubt man dem GDV, dann nicht: Er stuft die Landeshauptstadt ebenfalls in Klasse 12 ein.

 

Der Hochablass

Eins der wichtigsten Bauwerke in Augsburg ist der Hochablass, ein Sperrwerk im Lech, über das die Siebentischanlagen und der Stadtteil Hochzoll Süd miteinander verbunden sind. An dieser Stelle wird bereits seit über tausend Jahren das Wasser des Lechs gestaut, und der Hochablass war entscheidend für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt. Er dient nämlich nicht nur als Stauwehr, um den Wasserstand des Lechs zu regulieren, sondern auch als Verteilstation, um Lechwasser für die Verwendung als Brauchwasser in der Stadt abzuzweigen.

Hochablass Augsburg
Der Hochablass in Augsburg-Hochzoll während seiner Sanierung im Herbst 2017

Der Hochablass wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut, zerstört, wieder aufgebaut und verändert. Das weiße Gebäude auf dem Wehr stammt von 1911, als die gesamte Anlage nach einem verheerenden Hochwasser im Jahr 1910 wieder aufgebaut werden musste. Alle paar Jahrzehnte wird seitdem der Hochablass generalsaniert, zuletzt 2003. 2013 wurde an der stromaufwärtigen Seite ein unterirdisches Wasserkraftwerk eingebaut, das seitdem 4.000 Haushalte mit Strom versorgt.

Obwohl ich bereits seit 30 Jahren immer wieder einmal Augsburg einen Besuch abstattete, war mir Banausen die Existenz dieses faszinierenden Bauwerks immer entgangen. Erst Ende 2016, als wir auf der Suche nach einer Wohnung in Augsburg dort einen Spaziergang machten, „entdeckte“ ich den Hochablass und den daneben liegenden Kuhsee – und war sofort begeistert. Hier würde ich gerne wohnen wollen. Und tatsächlich liegt unsere Wohnung nur sieben Minuten zu Fuß vom Hochablass entfernt.

Das Bild oben zeigt den Hochablass während der letzten Sanierung im Jahr 2017. Alle Sperrwerke wurden ausgebaut, generalüberholt und wieder eingebaut. Dazu wurde extra ein künstliches Atoll in den Fluss geschüttet, damit schwere Fahrzeuge an das Sperrwerk heranfahren konnten.

Seit April 2018 ist der Hochablass wieder komplett funktionsfähig. Er ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Biergarten Zeughausstuben

Es fing alles so gut an: An einem Sonntagnachmittag gegen zwei schlenderten wir durch die Augsburger Altstadt, auf der Suche nach etwas Essbarem. Hinter dem Moritzplatz stößt man auf einen schönen, schattig gelegenen Biergarten, direkt neben dem Römermuseum. Er gehört zu den Zeughausstuben. Der Besitzer dieser Gaststätte betreibt unter anderem die Kälberhalle im Schlachthofviertel.

Die Karte präsentierte sich übersichtlich, die Preise selbstbewusst – Innenstadtlage halt. Wir bestellten ein großes Wasser und ein alkoholfreies Weißbier. Dazu einen Salat mit Pfifferlingen und Brot von der Tageskarte, außerdem eine halbe Schweinshaxe mit Knödeln. Zu der empfiehlt die Speisekarte entweder Sauerkraut oder Krautsalat als Beilage. Ich liebe Krautsalat.

Hört sich für einen Biergarten nach einer lösbaren Aufgabe an, würde ich sagen.

Allerdings beschied mir die Kellnerin freundlich, der Krautsalat sei aus. Schade, Sauerkraut mag ich nämlich nicht so sehr. Wir einigten uns auf Blaukraut, auch gut. Wenige Minuten später brachte ein anderer Kellner die Getränke. Meins konnte er gleich wieder mitnehmen, denn ich hatte ein bleifreies Weißbier bestellt, kein Radler. Dann nahm ich den Steingutkrug unter die Lupe, der auf dem Tisch stand und die Servietten und das Besteck enthielt. Ich wollte – eigentlich völlig unwichtig – wissen, ob der Krug innen ganz glasiert ist oder auch nur am oberen Rand, so wie außen. Dazu zog ich das Besteck aus dem Krug – und fand ein altes Stück Brot, auf das die Gabeln aufgespießt waren.

Das wäre eigentlich der richtige Moment gewesen aufzustehen und zu gehen.

Stattdessen baten wir um einen neuen Krug mit Besteck, der auch gebracht wurde. Dann kam das Essen. Und mit ihm eine Wolke von grünlich schimmernden Fliegen (laut Wikipedia waren das Schmeißfliegen). Dass die Pfifferlinge auf dem Salat eiskalt waren, dass die Bedienung das Brot vergessen hatte, ja das war unschön. Aber alles trat zurück hinter dieser Wolke aus metallisch grün glänzenden, fetten Fliegen, die uns und unser Essen umschwirrten. Meine Frau kam vom Klo zurück und meinte, das habe aber auch schon sauberere Zeiten erlebt.

Also gaben wir auf und fragten die Kellnerin, ob sie sich das erklären könne. Konnte sie natürlich nicht. Der Geschäftsführer auch nicht, denn der war natürlich nicht da. Irgendwann sprang ein junger Kellner seiner Kollegin zur Seite und meinte, es sei der Moment gekommen, wo er die Kundschaft anschnauzen dürfe.

Schade, der Biergarten ist wirklich nett gelegen. Aber eine dermaßen unterirdische Performance habe ich noch nicht erlebt. Wenn ihr mich fragt, haben die ein Hygieneproblem. Und ein Serviceproblem.

Wer’s sich selbst geben mag, hier die Adresse: Zeugplatz 4, 86150 Augsburg

Viel Licht, ein bisschen Schatten

2016 überschritt die Einwohnerzahl Augsburgs die Marke von 290.000. Die 300.000er-Marke, so schätzt die „Augsburger Allgemeine“ wird bis 2019 fallen. Jedes Jahr ziehen Tausende in die drittgrößte Stadt Bayerns. Ich bin einer von ihnen. Seit Ostern 2017 lebe ich in Augsburg-Hochzoll. Zuvor habe ich fast 30 Jahre lang in München gewohnt. Ich arbeite nach wie vor dort, fahre jeden Morgen mit dem Zug von der Hauptstadt Schwabens in die Hauptstadt Oberbayerns.

Nach Berlin und München ist Augsburg die dritte Großstadt, in der ich lebe. Es ist spannend, nach Jahrzehnten mal wieder eine neue Stadt zu entdecken. Ich komme mir immer noch vor wie im Urlaub, wenn ich von meiner Wohnung zu Fuß zum Kuhsee laufe oder die Barockbauten des Elias Holl bewundere.

Jeden Tag lerne ich neue Dinge kennen – Restaurants, Geschäfte, Services, Behörden. Und automatisch vergleiche ich sie mit dem, was ich bereits aus anderen Städten kenne. In diesem Blog will ich meine ganz subjektiven Erfahrungen mit euch teilen.

Wozu?

Nun, für andere Menschen, die ebenfalls nach Augsburg ziehen oder diese Stadt besuchen wollen, könnten meine Tipps vielleicht ganz interessant sein. Alt-Augsburger möchten meine Beiträge vielleicht kommentieren. Und dem Rest wünsche ich einfach viel Spaß beim Lesen.