Alles ist im Fluss

Augsburg hat eine besondere Beziehung zum Wasser, das merkt der Neu-Augsburger spätestens beim ersten Stadtrundgang. Der Hochablass, eins der markantesten Bauwerke der Stadt, darf in keinem Bericht über die Stadt fehlen. Die Wasserversorgung, mit der Augsburg bereits im Mittelalter sein Stadtgebiet überzog, soll demnächst als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt werden, so die Hoffnung der Förderer dieser Idee. Ob ich diesen Plan gut finde, weiß ich noch nicht, mehr Touristen in der Stadt brauche ich nicht unbedingt. Andererseits: Inhaltlich spricht viel dafür, das Geflecht aus Kanälen, die die Stadt bis heute durchziehen, zum Denkmal zu erheben.

Kanäle hatten andere Städte mit Fluss in der Mitte früher auch. Doch Augsburg unterscheidet sich in zwei Punkten von anderen Städten. Im Gegensatz zu München gibt es die meisten Augsburger Kanäle noch, sie wurde nicht einfach in die Kanalisation verbannt. Und Augsburg ist ganz schön schräg: Zwischen Süden und Norden liegt ein Unterschied von rund 80 Höhenmetern. Das sorgt dafür, dass alle Augsburger Kanäle eins haben: Genug Speed.

Richtig krass ist das mit dem Speed an der Kajak-Wildwasserstrecke, die direkt neben dem Hochablass liegt und für die Olympischen Spiele 1972 gebaut wurde. Sie wird vom Hauptstadtbach mit Wasser versorgt, Eingeweihte nennen sie angeblich nur „die Waschmaschine“.

Doch um seinen Spaß im Fluss zu haben, braucht mal kein Kajak und keinen Sturzhelm. An verschiedenen Stellen der Stadt gibt es öffentlich freigegebene Kanalabschnitte, in denen man sich einfach treiben lassen kann – mit etwas Planung sogar kilometerlang. Und das Beste: Viele dieser Flussbäder kosten noch nicht einmal Eintritt. Und da wir hier nicht in München sind, sondern im entspannten Augsburg, sind sie selbst bei Top Wetterlagen nicht überrannt, sondern höchstens gut besucht.

Den Anfang macht das Fribbebad, ein öffentliches Freibad in Spickel, unweit des zoologischen Gartens. Seit Sommer 2018 gibt es hier ein neues Kinder-Planschparadies – und für die etwas größeren Kinder gibt es den Kaufbach, der in einem Betonbett auf rund 250 Meter Länge das Bad durchfließt. Die Strömung ist hier moderat, das Schweben angenehm. Am Ende gibt es ein Stahlseil zum Festhalten und ein solides Gitter, das vor dem nahenden Wehr schützt. Obwohl viele Locals das Gewässer per Arschbombe betreten, ein Wort zur Vorsicht: Der Kanal ist oft nicht tiefer als 1,25 Meter. Unfachmännisch ausgeführte Kopfsprünge können tragisch enden.

Wer so auf den Geschmack gekommen ist, sollte das Luftbad in Göggingen besuchen. Das „Bad“ ist eine Liegewiese mit zwei Dixi-Klos und zwei Beach-Volleyballfeldern, um den Bewegungsdrang der Jugend zu dämpfen. Die Hauptattraktion ist allerdings der Fabrikkanal, ein Kanal, der aus der nahen Wertach gespeist wird und von dort rund 400 Meter zum freien Treiben einlädt, bevor ein Stahlseil und eine letzte Ausstiegleiter zur Umkehr mahnen. Es ist schlau, dabei nicht nur adrette Badekleidung am Körper zu haben, sondern auch vernünftige Badeschuhe. Denn der Weg zum Einstiegspunkt direkt an der Wertach geht durch einen Wald und über Stock und Stein.

Ein bisschen ein Insidertipp ist die Liegewiese am Proviantbach, direkt neben der Türkspor-Sportanlage. Hier lässt es sich ebenfalls auf rund 300 Metern entspannt treiben, bevor die letzten Ausstiege an der Otto-Lindenmeyer-Straße kommen, die dort den „Bach“ – in Wirklichkeit ist er natürlich ein Kanal – als Brücke überspannt. Wem das noch nicht reicht, der lässt sich einfach weiter treiben und folgt dem Proviantbach bis zur Amagasaki-Allee, die hier den Kanal ebenfalls überquert. Bis hierhin sind noch alle 50 bis 100 Meter Einstiegsleitern vorhanden. Danach geht der Proviantbach noch ein ganzes Stück schnurgeradeaus weiter, wird breiter und ruhiger. Allerdings muss man spätestens am Schlachthof-Quartier wieder draußen sein, weil dort ein Wehr dem entspannnten Treiben ein Ende setzt. Auch hier sind neben adretter Badekleidung gute Badeschuhe Pflicht, denn in allen Augsburger Kanälen können Glasscherben und andere scharfkantige Dinge liegen – außerdem muss man nach dem Badespaß ein ganzes Stück zu Fuß zurücklaufen, um sein Badehandtuch wiederzufinden.

Eher so die Champions League unter den Badekanälen dürfte der Badebereich am Eiskanal in Spickel sein. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, denn eigentlich heißt das Gewässer, das hier durchfließt Hauptstadtbach. Aber das Wasser kommt direkt aus dem Lech, ist entsprechend kalt und wenige Minuten zuvor noch durch die bereits erwähnte „Waschmaschine“ geflossen. Dieses Fließbad ist das einzige mit Wasserwacht-Stützpunkt – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn hier ist die Strömung schon nicht von schlechten Eltern, und wer am Ende den Ausstiegspunkt verpasst, sollte sich unbedingt scharf rechts halten und am Wehr unter der Friedberger Straße hindurch abbiegen und in den Herrenbach weitertreiben. Wer die Rechtskurve verpasst, muss geradeaus durch den stellenweise sehr flachen Kaufbach – und landet schließlich (ohne Eintrittskarte) im Fribbe-Bad.

Ein, zwei Worte der Warnung: Alle beschriebenen Kanäle bekommen von Lech und Wertach (oder besoffenen Zeitgenossen) allen möglichen Kram reingeschwemmt. Wenn auch das Wasser selbst nahezu Gebirgsbachqualität hat, so sollte man wirklich Schuhe tragen, damit man sich nicht irgendwo verletzt. Die Kanäle sind auch teilweise überraschend flach: Wenn man nicht ganz sicher weiß, ob man da einen Kopfsprung reinmachen kann – dann eher nicht. Und man muss es ja keinem verraten, aber niemandem bricht ein Zacken aus der Krone, wenn er vor dem Sprung ins nasse Treiben die geplante Strecke mal in Ruhe abgeht, auf Ausstiegsmöglichkeiten und Wasserstände achtet, die gegebenenfalls an der nächsten Brücke zu Problemen führen könnten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, alles was hier steht, wurde unter Ausschluss der Gewährleistung geschrieben und Eltern haften für ihre Kinder.

Das Bild oben im Beitrag zeigt übrigens den Stadtbach, wie er in der Nähe der alten Stadtmauer vom Unteren Stadtgraben gekreuzt wird. Von den beschrieben Fließbädern habe ich keine Bilder – meine Kamera ist nicht wasserfest.

Biergarten? Biergarten!

Dem Münchner, selbst wenn er eigentlich ein Nordlicht ist, geht der Ruf nach, er pflege eine besondere Affinität zu Biergärten. Ich nehme mich selbst da gar nicht aus. Ich sitze gern im Biergarten, habe kein Problem damit, wenn dort alles ein bisschen legerer zugeht und die Bedienung eher herzlich als formvollendet auftritt. Hauptsache, das Bier ist frisch und die Schmankerln schmecken.

Vor allem letzteres ist – auch in München – keine Selbstverständlichkeit. Schon oft sind wir in Münchner Biergärten essensmäßig mächtig eingegangen. Man hat gelegentlich den Eindruck, dass die Touristenmassen, die Münchner Biergärten das Überleben sichern, keinen guten Einfluss auf das haben, wofür ohne mit der Wimper zu zucken erstaunliches Geld verlangt wird.

Kann Augsburg das besser?

Erste Versuche im Sommer 2017 verliefen durchwachsen. Den vielfach hoch gelobten Biergarten an der Kälberhalle fanden wir so naja, die Zeughausstuben schlicht und einfach desaströs.

Während in München Biergärten oft großgastronomische Betriebe sind, gibt es in Augsburg auch viele Biergärten, die ein bisschen versteckter sind. Zum Beispiel das Bayrische Herzl in der Spitalgasse, nur ein paar Gehminuten von der Augsburger Puppenkiste entfernt. Man erreicht den Biergarten durch einen Torbogen, wo er inmitten mittelalterlicher Häuser einen lauschigen Innenhof füllt. Wirt und Mannschaft legen Wert auf die Tatsache, dass es sich um ein altbayrisches Etablissement handelt, und das, obwohl es westlich des Lechs und damit eindeutig auf schwäbischem Terrain liegt. Dem Besucher erschließt sich das Altbayerntum des Herzls am ehesten durch die Tatsache, dass es dort Erdinger Bier aus Bayern gibt und kein Hasenbräu, das in Wirklichkeit bei Tucher in Nürnberg hergestellt wird.

Ist das wichtig? Der Gast genießt die angenehm ruhige, entspannte Atmosphäre im Herzl, blickt sich zufrieden um und sagt: Ach, woher?

Und er bestellt den Klassiker, das Brotzeitbrettl. Speis‘ und Trank kommen in angemessener Geschwindigkeit, und so sieht das dann aus:

War so lecker, wie es auf dem Bild aussieht, und sogar die Salzstangen im Obazten waren knusprig. Kurz: Da kann man nicht meckern. Ich hab‘ den Preis vergessen, war aber absolut im Rahmen.

Dass das Bayrische Herzl angeblich den ältesten Holzbackofen der Stadt betreibt – geschenkt. Dass es aber eine großzügig bemessene Wasser-Station gibt, an der mitgebrachte Hunde trinken können, fand ich nett. Schließlich soll sich da ja jeder wohl fühlen, auch wenn’s mal wieder Jahrhundertsommer hat.

Fazit: Schöner, angenehmer Biergarten, da gehen wir gerne wieder hin. Neben dem Biergarten gibt es noch eine Wirtschaft, wenn’s draußen greislig ist. Die haben wir aber noch nicht ausprobiert.

Wer’s selbst testen mag: Zum Bayrischen Herzl, Spitalgasse 8, 86150 Augsburg. Parken ist in der Gegend Glückssache, aber von der Citygalerie sind es keine zehn Minuten zu Fuß.

Pass-Angelegenheiten

Als ich im April 2017 Augsburger wurde, ging das eigentlich recht einfach: Die Frau vom Amt im Bürgerbüro Haunstetten nahm meinen Münchner Personalausweis und klebte einen Aufkleber mit meiner neuen Augsburger Adresse drauf. Dass die Ausweise seit 1987 fälschungssicher sind, weiß ich. Dass sie so fälschungssicher sind, war mir neu.

Das nächste Mal, das wusste ich, würde es nicht so einfach gehen. Denn sowohl mein Personalausweis als auch mein Reisepass werden am 1. Juli 2018 ungültig, ich brauche also neue.

Die Website der Stadt Augsburg ist da recht hilfreich. Ich solle einfach nur meine alten Dokumente mitbringen, außerdem aktuelle biometrische Passbilder, hieß es. Und eine Geburtsurkunde, bitte, aber nur wenn ich zuvor noch nie einen Ausweis in Augsburg beantragt hätte.

Geburtsurkunde, really?  Ich beschloss, mein Personalausweis mit Augsburg-Aufkleber müsse langen. Schließlich schickt mir sogar das Finanzamt erfolgreich Forderungsschreiben zu, also gibt es mich offensichtlich.

Passbilder. Wo kriege ich die her? Wäre natürlich praktisch, wenn man die direkt im Bürgerbüro machen könnte, das geht da aber nicht. Andererseits: Erstens muss doch jeder Passbildautomat biometrische Bilder können, heute braucht ja niemand mehr was anderes. Und zweitens ist es mir eigentlich komplett wurscht, wie schön die Bilder in meinem Pass sind, da gucken ja ohnehin nur Grenzer, Zöllner und die Rennleitung drauf.

Ich fahre ja jeden Morgen nach München, und ich weiß genau: Im Zwischengeschoss vom U-Bahnhof am Hauptbahnhof (Linien U4 und U5) steht so ein Automat. Zumindest stand der da früher noch, als ich da jeden Morgen zur Arbeit gefahren bin. Also einen Tag vor dem Termin dort hin, und tatsächlich, das Teil steht noch da, also rein:

Der Automat wird von Gebr. Zoells betrieben, das sind die, die auch die ganzen Getränke- und Süßigkeitenautomaten am Münchner Hauptbahnhof betreiben. Natürlich kann der Automat auch biometrische Bilder, aber nur in Farbe, kosten sechs Euro für vier Stück. Nachdem ich mich mit der bescheuerten Benutzerführung angefreundet und es geschafft habe, bei der Aufnahme nicht zu blinzeln, halte ich wenige Minuten später vier unglaublich unvorteilhaft aussehende Bilder in der Hand, die aber – das hat der Automat zuvor ausgiebig überprüft – garantiert biometrisch sind.

Am nächsten Morgen ist mein Termin am Amt, genauer: Im Bürgerbüro Haunstetten in der Tattenbachstraße. Das Büro kenne ich schon, da habe ich mich vor einem Jahr angemeldet. Die Online-Terminreservierung hatte damals perfekt funktioniert, also habe ich mir wieder einen Termin geholt, am Dienstag um 8.45.

Nur blöd, dass es die Tattenbachstraße an diesem Dienstag nicht mehr gibt. Sie wurde entfernt von einer Armada von Baumaschinen. Wo es letztes Jahr noch eine Straße gab, gähnt jetzt ein leeres Kiesbett. Parkplätze gibt es auch keine, aber ich bin mit dem Motorrad da, da kann man mit dem Parkplatzthema kreativ umgehen.

Es ist 8.20 Uhr als ich mit bester Laune das Amt betrete. Mein Plan: Pass und Perso beantragen, und dann mit dem Motorrad in die Arbeit. Ist schließlich blendendes Wetter. Als ich reinkomme, sagt die Frau am Schalter: „Ihr Termin ist ja erst um 8.45 Uhr, aber Sie sind ja schon da! Wenn Sie wollen, kriegen Sie gleich einen Termin.“

Ja, ich will. Wird ein guter Tag, glaube ich.

Wohl eher doch nicht, wenn es nach dem Sachbearbeiter geht, der meine Passbilder prüft. „Haben Sie noch andere“, fragt er mit sauertöpfischer Mine, „die hier sind nicht biometrisch.“ Ich bleibe freundlich: „Nicht biometrisch? Kann gar nicht sein. Der Automat hat die Bilder durchgerechnet und behauptet, die wären biometrisch.“ „Nein“, versteigt sich der Amtmann in Widerworte, „diese Bilder kann ich nicht akzeptieren. Sehen Sie, die haben einen völlig ungleichmäßigen Hintergrund. Sie brauchen neue Bilder.“

Meine Stimmung bekommt Risse. Normalerweise bin ich zu Bütteln des Staates freundlich bis zur hündischen Servilität, weil ich weiß, dass man damit bei diesen Menschen am weitesten kommt. Doch wenn die Freundlichkeit nicht weiter hilft, setzt schnell die Erkenntnis ein, dass ich den Mann bezahle und nicht er mich. Und dass er mich bitte nicht von der Arbeit abhalten möge, denn sonst steht in letzter Konsequenz mein Gehalt auf dem Spiel – und damit auch seins.

Doch auch meine zum Ausdruck gebrachte Unzufriedenheit mit dem Verlauf des Beratungsgesprächs ändert an dessen Ergebnis nichts: Ich brauche neue Passbilder.

Also wieder raus aus dem Amt, das Smartphone gezückt. Wo ist denn hier der nächste Fotograf? 800 Meter weg, sagt Google Maps, in der Alpenrosenstraße. Kein Ding, denke ich und schwinge mich aufs Kraftrad.

Doch ein Ding, denn die Adresse gibt es wohl, allein: Dort gibt es keinen Fotografen (mehr).

So ganz langsam beginnt meine Laune endgültig zu kippen.

Google Maps bietet mir einen weiteren Fotografen an, die Firma Langer in der Bürgermeister-Wohlfahrt-Straße in Königsbrunn, knapp drei Kilometer die Hauptstraße lang. Oh Mann, ob das heute noch was wird?

Wenige Minuten später stehe ich vor einem kleinen Fotogeschäft, in dem ich nicht zwingend eine große Fotoausrüstung würde kaufen wollen. Aber der Herr des Ladens und ich werden schnell einig. Passbilder bitte, biometrisch, bitte. Und wenn’s ruck-zuck ginge, wäre das kein Fehler.

Gefühlt fünf Minuten und 13 Euro später bin ich im Besitz von vier astrein-biometrischen, knackscharfen Porträtbildern von mir. Ich bin zufrieden. So gelassen-souverän wie auf diesen Bildern wurden von mir Zöllner, Grenzer und Polizisten selten angesehen. Also wieder aufs Krad und ab in die Tattenbachstraße, inzwischen ist es fast halb zehn.

Bei der netten Dame am zentralen Empfang versuche ich gleich eine prophylaktische Charme-Offensive: „Bitte, Sie müssen mir jetzt den Tag retten. Ich war vorhin schon mal hier, hatte einen Termin, aber meine Passbilder haben nicht getaugt. Jetzt habe ich welche, die taugen, aber keinen Termin. Und ich hab’s echt eilig, ich muss doch noch nach München auf die Arbeit.“ Mein Charme verfängt, oder sie will einfach nur den großen, dicken Mann mit den Motorradklamotten vom Schalter haben. „Na, dann gebe ich Ihnen am besten den nächsten freien Termin, der ist… genau jetzt!“

Der nächste Amtmann ist wesentlich kooperativer. Er gleicht mit mir meine Daten ab, betrachtet meine neuen Passbilder wohlwollend, will auch noch mal die anderen sehen: „Nein, die gehen wirklich nicht, da muss ich dem Kollegen recht geben.“ Der Rest des Verwaltungsaktes birgt einige Überraschungen. Über 90 Euro verlangt der Staat von mir, damit ich mich ihm gegenüber auch künftig ausweisen kann. Und meine Fingerabdrücke muss ich auch abgeben. Unwillkürlich frage ich mich, wieso ich erkennungsdienstlich behandelt werde, während Tausende illegal… Naja, egal, muss ich halt beim nächsten Bruch Handschuhe tragen.

Mein neuer Personalausweis, klärt er mich auf, hat eine Online-Funktion, die Geheimnummer dazu muss ich selbst festlegen. Diese Online-Funktion wollen offenbar viele Bürger nicht, in der Vergangenheit wurde sie bei den meisten Beantragungen abgewählt. Deshalb, so stellen der Amtmann und ich nicht ohne ein ironisches Zucken im Mundwinkel fest, gibt es diese Wahl nicht mehr – mein neuer Perso wird online-fähig, ob ich will oder nicht. Vier Wochen müsse ich auf den neuen Perso warten, auf den Reisepass eher sechs.

Ganz so lang dauert es dann doch nicht. Drei Wochen später trudelt eine Mail vom Passamt ein, mein Perso sei fertig. Zwei Tage später kommt auch der Brief mit den Geheimzahlen. Und genau rechtzeitig zum Brückentag nach Fronleichnam ereilt mich die Nachricht: Der Pass wär‘ jetzt auch da.

Was immer noch durch Abwesenheit glänzt, ist die Tattenbachstraße. Zwar hat die ausführende Baufirma in den rund dreieinhalb Wochen nach meinem letzten Besuch beim Bürgerbüro Haustetten die Baumaschinen in ein neues Ensemble gruppiert, aber das Kiesbett sieht immer noch genauso aus.

Diesmal habe ich keinen Termin, ich brauche auch keinen, hat es geheißen. Dummerweise bin ich nicht der einzige, der am Brückentag seine Amtsgeschäfte im Bürgerbüro erledigen will.

Nach einer guten Viertelstunde Schlangestehen händigt mir die nette Dame vom Empfang endlich meine neuen Papiere aus. In Zukunft, so verspricht die Website zum neuen Personalausweis, könne ich viele Amtsgeschäfte auch von zuhause aus am Computer machen.

Andererseits: Die nette Dame am Empfang würde ich schon vermissen.

Der Augsburger am Steuer

Wenn man ein Auto versichern möchte, spielt für die Bemessung der Beitragshöhe neben dem Fahrzeugtyp und der eigenen Fahrpraxis auch die so genannte Regionalklasse eine Rolle. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) ordnet jedem Zulassungsbezirk in Deutschland einen Wert zwischen 1 und 12 zu, je nach Unfallgefahr – die so genannte Regionalklasse. Wer zum Beispiel sein Auto in Wunsiedel (Regionalklasse 1) zulässt, kommt billig davon. Ansbach (Land) und Coburg (Land) sind ebenfalls recht sicheres Terrain – Klasse 2.

Augsburg hat Regionalklasse 12. Schlimmer geht es nicht.

Woran das liegen könnte, wird dem Neubürger schnell klar, wenn er mit dem Auto durch die Stadt fährt. Denn der Augsburger legt seine angenehme Gelassenheit ab, sobald er sich hinter das Steuer eines Autos setzt.

Es ist zum Beispiel nicht nötig, an einer Ampel selbst darauf zu achten, wann es grün wird. Denn wenn man nicht spätestens nach 0,5 Sekunden nach Umspringen der Ampel vorangeprescht ist, ertönt von hinten die erste Hupe. So richtig geduldig ist der Augsburger nicht. Zumindest nicht im Auto.

Auch das Konzept des Sicherheitsabstandes hat sich in Augsburg nicht wirklich durchgesetzt. Zwei Meter müssen oft reichen, egal ob man zumindest theoretisch überholen könnte oder nicht. Was das soll? Unklar.

Eine nur mäßig belastbare Arbeitsthese könnte lauten, dass es in Augsburg viele Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die ihren Führerschein nicht in Deutschland gemacht haben und die es einfach nicht besser wissen. Aber wer weiß, vielleicht ist auch was im Trinkwasser. Oder die fette Antenne auf dem Kongresscenter sendet doch was anderes als Mobilfunksignale.

Für eine solche, durch lokale Faktoren hervorgerufene Bedrohungslage spricht auch die Situation in den angrenzenden Landkreisen. Augsburg (Land), Landsberg am Lech und Aichach-Friedberg rangieren alle in Regionalklasse 9, nicht so schlimm wie Augsburg-Stadt, aber immer noch klar über dem Bayern-Durchschnitt. Und dass man beim Verlassen eines Kreisels den Blinker setzt, ist Geheimwissen, von dem man hier noch nichts gehört hat.

Der Augsburger hält sich auch nicht gern an Tempolimits. Wer glaubt, ein Schluck über Limit sei schnell genug, staunt nicht schlecht, wenn ein SUV mit einheimischer Nummer und Tempo 80 innerorts an ihm vorbeifliegt.

Die Stadtverwaltung kann dies alles natürlich nicht tolerieren – und hält tapfer dagegen: Mit höchst skurrilen Verkehrsführungen, einer errativen Tempolimit-Verteilung und einer stattlichen Anzahl von Poliscan-Blitzgeräten. Das sind die fiesen Dinger, die in alle Richtungen messen können.

Doch ist es in München wirklich besser? Glaubt man dem GDV, dann nicht: Er stuft die Landeshauptstadt ebenfalls in Klasse 12 ein.

 

Der Hochablass

Eins der wichtigsten Bauwerke in Augsburg ist der Hochablass, ein Sperrwerk im Lech, über das die Siebentischanlagen und der Stadtteil Hochzoll Süd miteinander verbunden sind. An dieser Stelle wird bereits seit über tausend Jahren das Wasser des Lechs gestaut, und der Hochablass war entscheidend für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt. Er dient nämlich nicht nur als Stauwehr, um den Wasserstand des Lechs zu regulieren, sondern auch als Verteilstation, um Lechwasser für die Verwendung als Brauchwasser in der Stadt abzuzweigen.

Hochablass Augsburg
Der Hochablass in Augsburg-Hochzoll während seiner Sanierung im Herbst 2017

Der Hochablass wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut, zerstört, wieder aufgebaut und verändert. Das weiße Gebäude auf dem Wehr stammt von 1911, als die gesamte Anlage nach einem verheerenden Hochwasser im Jahr 1910 wieder aufgebaut werden musste. Alle paar Jahrzehnte wird seitdem der Hochablass generalsaniert, zuletzt 2003. 2013 wurde an der stromaufwärtigen Seite ein unterirdisches Wasserkraftwerk eingebaut, das seitdem 4.000 Haushalte mit Strom versorgt.

Obwohl ich bereits seit 30 Jahren immer wieder einmal Augsburg einen Besuch abstattete, war mir Banausen die Existenz dieses faszinierenden Bauwerks immer entgangen. Erst Ende 2016, als wir auf der Suche nach einer Wohnung in Augsburg dort einen Spaziergang machten, „entdeckte“ ich den Hochablass und den daneben liegenden Kuhsee – und war sofort begeistert. Hier würde ich gerne wohnen wollen. Und tatsächlich liegt unsere Wohnung nur sieben Minuten zu Fuß vom Hochablass entfernt.

Das Bild oben zeigt den Hochablass während der letzten Sanierung im Jahr 2017. Alle Sperrwerke wurden ausgebaut, generalüberholt und wieder eingebaut. Dazu wurde extra ein künstliches Atoll in den Fluss geschüttet, damit schwere Fahrzeuge an das Sperrwerk heranfahren konnten.

Seit April 2018 ist der Hochablass wieder komplett funktionsfähig. Er ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Biergarten Zeughausstuben

Es fing alles so gut an: An einem Sonntagnachmittag gegen zwei schlenderten wir durch die Augsburger Altstadt, auf der Suche nach etwas Essbarem. Hinter dem Moritzplatz stößt man auf einen schönen, schattig gelegenen Biergarten, direkt neben dem Römermuseum. Er gehört zu den Zeughausstuben. Der Besitzer dieser Gaststätte betreibt unter anderem die Kälberhalle im Schlachthofviertel.

Die Karte präsentierte sich übersichtlich, die Preise selbstbewusst – Innenstadtlage halt. Wir bestellten ein großes Wasser und ein alkoholfreies Weißbier. Dazu einen Salat mit Pfifferlingen und Brot von der Tageskarte, außerdem eine halbe Schweinshaxe mit Knödeln. Zu der empfiehlt die Speisekarte entweder Sauerkraut oder Krautsalat als Beilage. Ich liebe Krautsalat.

Hört sich für einen Biergarten nach einer lösbaren Aufgabe an, würde ich sagen.

Allerdings beschied mir die Kellnerin freundlich, der Krautsalat sei aus. Schade, Sauerkraut mag ich nämlich nicht so sehr. Wir einigten uns auf Blaukraut, auch gut. Wenige Minuten später brachte ein anderer Kellner die Getränke. Meins konnte er gleich wieder mitnehmen, denn ich hatte ein bleifreies Weißbier bestellt, kein Radler. Dann nahm ich den Steingutkrug unter die Lupe, der auf dem Tisch stand und die Servietten und das Besteck enthielt. Ich wollte – eigentlich völlig unwichtig – wissen, ob der Krug innen ganz glasiert ist oder auch nur am oberen Rand, so wie außen. Dazu zog ich das Besteck aus dem Krug – und fand ein altes Stück Brot, auf das die Gabeln aufgespießt waren.

Das wäre eigentlich der richtige Moment gewesen aufzustehen und zu gehen.

Stattdessen baten wir um einen neuen Krug mit Besteck, der auch gebracht wurde. Dann kam das Essen. Und mit ihm eine Wolke von grünlich schimmernden Fliegen (laut Wikipedia waren das Schmeißfliegen). Dass die Pfifferlinge auf dem Salat eiskalt waren, dass die Bedienung das Brot vergessen hatte, ja das war unschön. Aber alles trat zurück hinter dieser Wolke aus metallisch grün glänzenden, fetten Fliegen, die uns und unser Essen umschwirrten. Meine Frau kam vom Klo zurück und meinte, das habe aber auch schon sauberere Zeiten erlebt.

Also gaben wir auf und fragten die Kellnerin, ob sie sich das erklären könne. Konnte sie natürlich nicht. Der Geschäftsführer auch nicht, denn der war natürlich nicht da. Irgendwann sprang ein junger Kellner seiner Kollegin zur Seite und meinte, es sei der Moment gekommen, wo er die Kundschaft anschnauzen dürfe.

Schade, der Biergarten ist wirklich nett gelegen. Aber eine dermaßen unterirdische Performance habe ich noch nicht erlebt. Wenn ihr mich fragt, haben die ein Hygieneproblem. Und ein Serviceproblem.

Wer’s sich selbst geben mag, hier die Adresse: Zeugplatz 4, 86150 Augsburg

Viel Licht, ein bisschen Schatten

2016 überschritt die Einwohnerzahl Augsburgs die Marke von 290.000. Die 300.000er-Marke, so schätzt die „Augsburger Allgemeine“ wird bis 2019 fallen. Jedes Jahr ziehen Tausende in die drittgrößte Stadt Bayerns. Ich bin einer von ihnen. Seit Ostern 2017 lebe ich in Augsburg-Hochzoll. Zuvor habe ich fast 30 Jahre lang in München gewohnt. Ich arbeite nach wie vor dort, fahre jeden Morgen mit dem Zug von der Hauptstadt Schwabens in die Hauptstadt Oberbayerns.

Nach Berlin und München ist Augsburg die dritte Großstadt, in der ich lebe. Es ist spannend, nach Jahrzehnten mal wieder eine neue Stadt zu entdecken. Ich komme mir immer noch vor wie im Urlaub, wenn ich von meiner Wohnung zu Fuß zum Kuhsee laufe oder die Barockbauten des Elias Holl bewundere.

Jeden Tag lerne ich neue Dinge kennen – Restaurants, Geschäfte, Services, Behörden. Und automatisch vergleiche ich sie mit dem, was ich bereits aus anderen Städten kenne. In diesem Blog will ich meine ganz subjektiven Erfahrungen mit euch teilen.

Wozu?

Nun, für andere Menschen, die ebenfalls nach Augsburg ziehen oder diese Stadt besuchen wollen, könnten meine Tipps vielleicht ganz interessant sein. Alt-Augsburger möchten meine Beiträge vielleicht kommentieren. Und dem Rest wünsche ich einfach viel Spaß beim Lesen.