Brecht hatte nicht recht

Der Dichter, dem sein Leben lang ein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimatstadt nachgesagt wurde, soll einmal gesagt haben:

Das Beste an Augsburg ist der Zug nach München

Nun ja, es gibt sicherlich das Eine oder Andere, was in München schöner, eleganter oder besser ist als in Augsburg – also mit etwas Überlegung fällt mir da sicher was ein.

Aber Dinge, die in Augsburg besser funktionieren als der Zug nach München – da würden mir sofort zwei Dutzend Sachen einfallen.

Gerade sitze ich im Zug von München nach Augsburg – zwei Stunden später als geplant. Grund dafür ist angeblich ein Notarzteinsatz am Bahnhof Pasing. Dafür müsse ich Verständnis haben, sagten mir die völlig überforderten Bahner, auf die ich auf meiner Odyssee über den Münchner Hauptbahnhof traf. Nein, habe ich eigentlich nicht. Genauer gesagt habe ich kein Verständnis dafür, dass es die Bahn immer wieder komplett unvorbereitet trifft, wenn irgendein Ereignis ihren Plan stört.

Kaum einer mit einem Herzen im Brustkorb hat ein Problem damit, bei einem unvorhergesehenen Unglücksfall auch mal warten zu müssen. Doch womit ich ein Problem habe, das ist die Kommunikation der Bahnmitarbeiter miteinander und mit der zahlenden Kundschaft. Die bricht nämlich regelmäßig zusammen, wenn mal was Unvorhergesehenes passiert. Und dann wird man von Gleis 13 zu Gleis 29 geschickt, wo zwar ein Zug nach Treuchtlingen steht, der so voll ist, dass niemand mehr reinpasst. Aber der Zugteil nach Ulm, der eigentlich noch dazu kommen müsste, kommt dann nicht – zur völligen Überraschung der Bahnmitarbeiter am Bahnsteig.

Und so etwas passiert andauernd, nicht nur wenn in Pasing mal wieder einer vor den Zug gesprungen ist.

Es will nicht in meinen Kopf, dass ein Unternehmen mit zigtausend Mitarbeitern keinen Plan B hat, falls Plan A nicht funktioniert. Und vielleicht sollte sich unser Verkehrsministerdarsteller mal Gedanken machen, wie man den Zugverkehr besser gegen Störungen absichern kann, bevor er sich mit E-Rollern befasst.

Im Shopping-Paradies

Dieser Aufkleber ziert in Augsburg jeden zweiten Laden. Während Amazon in Werbemotiven auf den Augsburger Straßenbahnen Aushilfskräfte für sein Logistikzentrum in Graben sucht, fürchtet der lokale Einzelhandel die Konkurrenz aus dem Web. Leicht ist es nicht für die Geschäfte in der Innenstadt – in der Fußgängerzone stehen derzeit mehrere Immobilien leer.

Dabei hat Augsburg eine schöne Innenstadt, viel schöner als die in München. Und auch an verschiedenen Geschäften herrscht kein Mangel – denkt man zunächst.

Nach wiederholten Besuchen musste ich irgendwann an ein DDR-Kaufhaus denken. Ich war mal in einem in Ost-Berlin. Das war vollgestopft mit Waren. Auf den ersten Blick hatten die alles. Nur wenn man etwas Bestimmtes suchte, dann hatten sie genau das nicht.

Ein schönes Beispiel war das Traditionsschuhhaus Leiser in der Steingasse. Kaum in Augsburg angekommen, wollte ich dort mein erstes Augsburger Paar Schuhe kaufen. Dumm nur, dass ich Schuhgröße 47 brauche, der Laden aber nur bis Größe 45 hatte. In München sind Schuhe dieser Größe kein großes Problem, allein in der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz gibt es drei Schuhläden mit passendem Angebot.

Nun ja, inzwischen ist das Schuhhaus Leiser Geschichte, im Herbst 2017 musste es schließen, der Laden steht immer noch leer. Und er ist nicht der einzige. Als ich das letzte Mal dort war, waren rund um den ehemaligen Laden von Leiser sechs Ladengeschäfte verwaist. Wohl gemerkt, wir reden von der Haupt-Fußgängerzone der drittgrößten Stadt Bayerns. Auf gut Bairisch: Es dodelt ganz gewaltig.

Woran liegt das? Zunächst einmal ganz banal am Ladenschlussgesetz. Das wird im Freistaat so streng ausgelegt wie sonst nirgends in der Republik. Bis 20 Uhr dürfen die Geschäfte geöffnet haben, auch am Samstag, am Sonntag ist Ruhe. Hin und wieder beteilige ich mich an Diskussionen darum, ob es nicht sinnvoll wäre, die Ladenöffnungszeiten auszuweiten, und ich höre immer wieder dieselben Argumente, meist vorgetragen von Frauen:

  • Warum denkt denn niemand an die vielen Verkäuferinnen? Die wollen doch auch mal zu ihrer Familie.
  • Wer es nicht schafft, bis 20 Uhr seine Einkäufe zu erledigen, der ist selber schuld. (Variante: Also ich habe es, obwohl alleinerziehend und voll berufstätig, noch immer geschafft, meine Einkäufe zu erledigen).
  • Es ist noch niemand verhungert oder verdurstet.

Tja, und dann kommt man an einer Litfaßsäule vorbei und sieht das hier:

Litfaßsäule mit Stellanzeigen von AmazonIn Graben, nur wenige Kilometer von Augsburg entfernt, unterhält Amazon eins seiner Auslieferungslager. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sucht der Online-Gigant in Augsburg händeringend nach Mitarbeitern, so sehr brummt das Geschäft. E-Commerce wächst jährlich mit acht bis zehn Prozent, während der stationäre Einzelhandel bestenfalls stagniert. In mittleren und kleinen Städten geht er sogar signifikant zurück. Der Handelsforscher Gerrit Heinemann prophezeiht diesen Städten für die Zukunft Leerstände von 40 bis 50 Prozent. Wie stark der E-Commerce zunimmt, merke ich schon abends bei der Parkplatzsuche. In Hochzoll parken nachts dermaßen viele Lieferwagen von Paketdiensten, dass sie den Anwohnern die Parkplätze wegnehmen.

Aber sind längere Ladenöffnungszeiten wirklich die Lösung? Muss man wirklich arme Verkäuferinnen dazu zwingen, 14 Stunden am Tag im Laden zu stehen?

Ich erlaube mir dazu die Sicht eines München-Pendlers. Ich verlasse halb acht Uhr morgens das Haus, spätestens um acht Uhr befinde ich mich nicht mehr im Landkreis Augsburg. Wenn es gut läuft und ich keine Überstunden machen muss, dann sitze ich gegen 17.30 Uhr wieder im Zug nach Augsburg, der ist dann so gegen 18.15 Uhr in Hochzoll. Zu dieser Zeit haben in Hochzoll nur noch die Supermärkte auf, alles andere hat zu. Dasselbe gilt für fast alle anderen Geschäfte, die sich nicht im unmittelbaren Stadtzentrum befinden. Und sogar in der Fußgängerzone in der Innenstadt nutzt längst nicht jeder Laden die schmalen Möglichkeiten des bayrischen Ladenschlussgesetzes aus.  Nehmen wir mal an, so ein Laden hat zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends offen, ich bin aber von 8 Uhr morgens bis 18.15 Uhr abends unterwegs. Wie groß ist da die Chance, dass ich bei dem Laden etwas kaufe?

Nun könnte man natürlich einwenden, dass das ein blödes Luxusproblem eines blöden Münchenpendlers ist, auf dessen Befindlichkeiten im Zweifel geschissen ist. Aber nun nehmen wir mal die in Augsburg lebende Verwaltungsangestellte. Die muss morgens um 9 im Büro sein, vorher bringt sie noch ihr Kind in die Kita. Dann arbeitet sie bis 17 Uhr, holt das Kind aus der Kita – und dann muss sie sich schon sputen, damit sie noch irgendeinen offenen Laden findet. Klar, der Aldi hat bis um 20 Uhr auf, der Rewe auch, aber der kleine Bioladen nicht, der Schreibwarenladen, der Spielzeugladen. Geschäfte wie diese gehen in Augsburg gerade reihenweise baden – wenn sie nicht schon längst baden gegangen sind.

Klar, man kann am Samstag einkaufen gehen, aber vielleicht hat man auch keine Lust, sich jeden Samstag damit zu ruinieren, durch die City zu hechten. Außerdem machen Samstags viele Läden ja schon um 13 Uhr zu, es könnten ja Kunden kommen.

Warum schließen sich nicht mal alle Läden in einem Viertel zusammen und machen einmal die Woche einen Berufstätigen-Tag? Alle machen erst nachmittags um zwei auf, dafür halten sie offen bis 20 Uhr. Das hätte unter anderem den Nebeneffekt, dass die Verkäuferinnen in diesen Läden an diesem „Berufstätigen-Tag“ vormittags das erledigen können, wozu sie unter der Woche nicht kommen, weil sie ja sonst immer auf der Arbeit sind.

Pass-Angelegenheiten

Als ich im April 2017 Augsburger wurde, ging das eigentlich recht einfach: Die Frau vom Amt im Bürgerbüro Haunstetten nahm meinen Münchner Personalausweis und klebte einen Aufkleber mit meiner neuen Augsburger Adresse drauf. Dass die Ausweise seit 1987 fälschungssicher sind, weiß ich. Dass sie so fälschungssicher sind, war mir neu.

Das nächste Mal, das wusste ich, würde es nicht so einfach gehen. Denn sowohl mein Personalausweis als auch mein Reisepass werden am 1. Juli 2018 ungültig, ich brauche also neue.

Die Website der Stadt Augsburg ist da recht hilfreich. Ich solle einfach nur meine alten Dokumente mitbringen, außerdem aktuelle biometrische Passbilder, hieß es. Und eine Geburtsurkunde, bitte, aber nur wenn ich zuvor noch nie einen Ausweis in Augsburg beantragt hätte.

Geburtsurkunde, really?  Ich beschloss, mein Personalausweis mit Augsburg-Aufkleber müsse langen. Schließlich schickt mir sogar das Finanzamt erfolgreich Forderungsschreiben zu, also gibt es mich offensichtlich.

Passbilder. Wo kriege ich die her? Wäre natürlich praktisch, wenn man die direkt im Bürgerbüro machen könnte, das geht da aber nicht. Andererseits: Erstens muss doch jeder Passbildautomat biometrische Bilder können, heute braucht ja niemand mehr was anderes. Und zweitens ist es mir eigentlich komplett wurscht, wie schön die Bilder in meinem Pass sind, da gucken ja ohnehin nur Grenzer, Zöllner und die Rennleitung drauf.

Ich fahre ja jeden Morgen nach München, und ich weiß genau: Im Zwischengeschoss vom U-Bahnhof am Hauptbahnhof (Linien U4 und U5) steht so ein Automat. Zumindest stand der da früher noch, als ich da jeden Morgen zur Arbeit gefahren bin. Also einen Tag vor dem Termin dort hin, und tatsächlich, das Teil steht noch da, also rein:

Der Automat wird von Gebr. Zoells betrieben, das sind die, die auch die ganzen Getränke- und Süßigkeitenautomaten am Münchner Hauptbahnhof betreiben. Natürlich kann der Automat auch biometrische Bilder, aber nur in Farbe, kosten sechs Euro für vier Stück. Nachdem ich mich mit der bescheuerten Benutzerführung angefreundet und es geschafft habe, bei der Aufnahme nicht zu blinzeln, halte ich wenige Minuten später vier unglaublich unvorteilhaft aussehende Bilder in der Hand, die aber – das hat der Automat zuvor ausgiebig überprüft – garantiert biometrisch sind.

Am nächsten Morgen ist mein Termin am Amt, genauer: Im Bürgerbüro Haunstetten in der Tattenbachstraße. Das Büro kenne ich schon, da habe ich mich vor einem Jahr angemeldet. Die Online-Terminreservierung hatte damals perfekt funktioniert, also habe ich mir wieder einen Termin geholt, am Dienstag um 8.45.

Nur blöd, dass es die Tattenbachstraße an diesem Dienstag nicht mehr gibt. Sie wurde entfernt von einer Armada von Baumaschinen. Wo es letztes Jahr noch eine Straße gab, gähnt jetzt ein leeres Kiesbett. Parkplätze gibt es auch keine, aber ich bin mit dem Motorrad da, da kann man mit dem Parkplatzthema kreativ umgehen.

Es ist 8.20 Uhr als ich mit bester Laune das Amt betrete. Mein Plan: Pass und Perso beantragen, und dann mit dem Motorrad in die Arbeit. Ist schließlich blendendes Wetter. Als ich reinkomme, sagt die Frau am Schalter: „Ihr Termin ist ja erst um 8.45 Uhr, aber Sie sind ja schon da! Wenn Sie wollen, kriegen Sie gleich einen Termin.“

Ja, ich will. Wird ein guter Tag, glaube ich.

Wohl eher doch nicht, wenn es nach dem Sachbearbeiter geht, der meine Passbilder prüft. „Haben Sie noch andere“, fragt er mit sauertöpfischer Mine, „die hier sind nicht biometrisch.“ Ich bleibe freundlich: „Nicht biometrisch? Kann gar nicht sein. Der Automat hat die Bilder durchgerechnet und behauptet, die wären biometrisch.“ „Nein“, versteigt sich der Amtmann in Widerworte, „diese Bilder kann ich nicht akzeptieren. Sehen Sie, die haben einen völlig ungleichmäßigen Hintergrund. Sie brauchen neue Bilder.“

Meine Stimmung bekommt Risse. Normalerweise bin ich zu Bütteln des Staates freundlich bis zur hündischen Servilität, weil ich weiß, dass man damit bei diesen Menschen am weitesten kommt. Doch wenn die Freundlichkeit nicht weiter hilft, setzt schnell die Erkenntnis ein, dass ich den Mann bezahle und nicht er mich. Und dass er mich bitte nicht von der Arbeit abhalten möge, denn sonst steht in letzter Konsequenz mein Gehalt auf dem Spiel – und damit auch seins.

Doch auch meine zum Ausdruck gebrachte Unzufriedenheit mit dem Verlauf des Beratungsgesprächs ändert an dessen Ergebnis nichts: Ich brauche neue Passbilder.

Also wieder raus aus dem Amt, das Smartphone gezückt. Wo ist denn hier der nächste Fotograf? 800 Meter weg, sagt Google Maps, in der Alpenrosenstraße. Kein Ding, denke ich und schwinge mich aufs Kraftrad.

Doch ein Ding, denn die Adresse gibt es wohl, allein: Dort gibt es keinen Fotografen (mehr).

So ganz langsam beginnt meine Laune endgültig zu kippen.

Google Maps bietet mir einen weiteren Fotografen an, die Firma Langer in der Bürgermeister-Wohlfahrt-Straße in Königsbrunn, knapp drei Kilometer die Hauptstraße lang. Oh Mann, ob das heute noch was wird?

Wenige Minuten später stehe ich vor einem kleinen Fotogeschäft, in dem ich nicht zwingend eine große Fotoausrüstung würde kaufen wollen. Aber der Herr des Ladens und ich werden schnell einig. Passbilder bitte, biometrisch, bitte. Und wenn’s ruck-zuck ginge, wäre das kein Fehler.

Gefühlt fünf Minuten und 13 Euro später bin ich im Besitz von vier astrein-biometrischen, knackscharfen Porträtbildern von mir. Ich bin zufrieden. So gelassen-souverän wie auf diesen Bildern wurden von mir Zöllner, Grenzer und Polizisten selten angesehen. Also wieder aufs Krad und ab in die Tattenbachstraße, inzwischen ist es fast halb zehn.

Bei der netten Dame am zentralen Empfang versuche ich gleich eine prophylaktische Charme-Offensive: „Bitte, Sie müssen mir jetzt den Tag retten. Ich war vorhin schon mal hier, hatte einen Termin, aber meine Passbilder haben nicht getaugt. Jetzt habe ich welche, die taugen, aber keinen Termin. Und ich hab’s echt eilig, ich muss doch noch nach München auf die Arbeit.“ Mein Charme verfängt, oder sie will einfach nur den großen, dicken Mann mit den Motorradklamotten vom Schalter haben. „Na, dann gebe ich Ihnen am besten den nächsten freien Termin, der ist… genau jetzt!“

Der nächste Amtmann ist wesentlich kooperativer. Er gleicht mit mir meine Daten ab, betrachtet meine neuen Passbilder wohlwollend, will auch noch mal die anderen sehen: „Nein, die gehen wirklich nicht, da muss ich dem Kollegen recht geben.“ Der Rest des Verwaltungsaktes birgt einige Überraschungen. Über 90 Euro verlangt der Staat von mir, damit ich mich ihm gegenüber auch künftig ausweisen kann. Und meine Fingerabdrücke muss ich auch abgeben. Unwillkürlich frage ich mich, wieso ich erkennungsdienstlich behandelt werde, während Tausende illegal… Naja, egal, muss ich halt beim nächsten Bruch Handschuhe tragen.

Mein neuer Personalausweis, klärt er mich auf, hat eine Online-Funktion, die Geheimnummer dazu muss ich selbst festlegen. Diese Online-Funktion wollen offenbar viele Bürger nicht, in der Vergangenheit wurde sie bei den meisten Beantragungen abgewählt. Deshalb, so stellen der Amtmann und ich nicht ohne ein ironisches Zucken im Mundwinkel fest, gibt es diese Wahl nicht mehr – mein neuer Perso wird online-fähig, ob ich will oder nicht. Vier Wochen müsse ich auf den neuen Perso warten, auf den Reisepass eher sechs.

Ganz so lang dauert es dann doch nicht. Drei Wochen später trudelt eine Mail vom Passamt ein, mein Perso sei fertig. Zwei Tage später kommt auch der Brief mit den Geheimzahlen. Und genau rechtzeitig zum Brückentag nach Fronleichnam ereilt mich die Nachricht: Der Pass wär‘ jetzt auch da.

Was immer noch durch Abwesenheit glänzt, ist die Tattenbachstraße. Zwar hat die ausführende Baufirma in den rund dreieinhalb Wochen nach meinem letzten Besuch beim Bürgerbüro Haustetten die Baumaschinen in ein neues Ensemble gruppiert, aber das Kiesbett sieht immer noch genauso aus.

Diesmal habe ich keinen Termin, ich brauche auch keinen, hat es geheißen. Dummerweise bin ich nicht der einzige, der am Brückentag seine Amtsgeschäfte im Bürgerbüro erledigen will.

Nach einer guten Viertelstunde Schlangestehen händigt mir die nette Dame vom Empfang endlich meine neuen Papiere aus. In Zukunft, so verspricht die Website zum neuen Personalausweis, könne ich viele Amtsgeschäfte auch von zuhause aus am Computer machen.

Andererseits: Die nette Dame am Empfang würde ich schon vermissen.

Der Augsburger am Steuer

Wenn man ein Auto versichern möchte, spielt für die Bemessung der Beitragshöhe neben dem Fahrzeugtyp und der eigenen Fahrpraxis auch die so genannte Regionalklasse eine Rolle. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) ordnet jedem Zulassungsbezirk in Deutschland einen Wert zwischen 1 und 12 zu, je nach Unfallgefahr – die so genannte Regionalklasse. Wer zum Beispiel sein Auto in Wunsiedel (Regionalklasse 1) zulässt, kommt billig davon. Ansbach (Land) und Coburg (Land) sind ebenfalls recht sicheres Terrain – Klasse 2.

Augsburg hat Regionalklasse 12. Schlimmer geht es nicht.

Woran das liegen könnte, wird dem Neubürger schnell klar, wenn er mit dem Auto durch die Stadt fährt. Denn der Augsburger legt seine angenehme Gelassenheit ab, sobald er sich hinter das Steuer eines Autos setzt.

Es ist zum Beispiel nicht nötig, an einer Ampel selbst darauf zu achten, wann es grün wird. Denn wenn man nicht spätestens nach 0,5 Sekunden nach Umspringen der Ampel vorangeprescht ist, ertönt von hinten die erste Hupe. So richtig geduldig ist der Augsburger nicht. Zumindest nicht im Auto.

Auch das Konzept des Sicherheitsabstandes hat sich in Augsburg nicht wirklich durchgesetzt. Zwei Meter müssen oft reichen, egal ob man zumindest theoretisch überholen könnte oder nicht. Was das soll? Unklar.

Eine nur mäßig belastbare Arbeitsthese könnte lauten, dass es in Augsburg viele Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die ihren Führerschein nicht in Deutschland gemacht haben und die es einfach nicht besser wissen. Aber wer weiß, vielleicht ist auch was im Trinkwasser. Oder die fette Antenne auf dem Kongresscenter sendet doch was anderes als Mobilfunksignale.

Für eine solche, durch lokale Faktoren hervorgerufene Bedrohungslage spricht auch die Situation in den angrenzenden Landkreisen. Augsburg (Land), Landsberg am Lech und Aichach-Friedberg rangieren alle in Regionalklasse 9, nicht so schlimm wie Augsburg-Stadt, aber immer noch klar über dem Bayern-Durchschnitt. Und dass man beim Verlassen eines Kreisels den Blinker setzt, ist Geheimwissen, von dem man hier noch nichts gehört hat.

Der Augsburger hält sich auch nicht gern an Tempolimits. Wer glaubt, ein Schluck über Limit sei schnell genug, staunt nicht schlecht, wenn ein SUV mit einheimischer Nummer und Tempo 80 innerorts an ihm vorbeifliegt.

Die Stadtverwaltung kann dies alles natürlich nicht tolerieren – und hält tapfer dagegen: Mit höchst skurrilen Verkehrsführungen, einer errativen Tempolimit-Verteilung und einer stattlichen Anzahl von Poliscan-Blitzgeräten. Das sind die fiesen Dinger, die in alle Richtungen messen können.

Doch ist es in München wirklich besser? Glaubt man dem GDV, dann nicht: Er stuft die Landeshauptstadt ebenfalls in Klasse 12 ein.

 

Biergarten Zeughausstuben

Es fing alles so gut an: An einem Sonntagnachmittag gegen zwei schlenderten wir durch die Augsburger Altstadt, auf der Suche nach etwas Essbarem. Hinter dem Moritzplatz stößt man auf einen schönen, schattig gelegenen Biergarten, direkt neben dem Römermuseum. Er gehört zu den Zeughausstuben. Der Besitzer dieser Gaststätte betreibt unter anderem die Kälberhalle im Schlachthofviertel.

Die Karte präsentierte sich übersichtlich, die Preise selbstbewusst – Innenstadtlage halt. Wir bestellten ein großes Wasser und ein alkoholfreies Weißbier. Dazu einen Salat mit Pfifferlingen und Brot von der Tageskarte, außerdem eine halbe Schweinshaxe mit Knödeln. Zu der empfiehlt die Speisekarte entweder Sauerkraut oder Krautsalat als Beilage. Ich liebe Krautsalat.

Hört sich für einen Biergarten nach einer lösbaren Aufgabe an, würde ich sagen.

Allerdings beschied mir die Kellnerin freundlich, der Krautsalat sei aus. Schade, Sauerkraut mag ich nämlich nicht so sehr. Wir einigten uns auf Blaukraut, auch gut. Wenige Minuten später brachte ein anderer Kellner die Getränke. Meins konnte er gleich wieder mitnehmen, denn ich hatte ein bleifreies Weißbier bestellt, kein Radler. Dann nahm ich den Steingutkrug unter die Lupe, der auf dem Tisch stand und die Servietten und das Besteck enthielt. Ich wollte – eigentlich völlig unwichtig – wissen, ob der Krug innen ganz glasiert ist oder auch nur am oberen Rand, so wie außen. Dazu zog ich das Besteck aus dem Krug – und fand ein altes Stück Brot, auf das die Gabeln aufgespießt waren.

Das wäre eigentlich der richtige Moment gewesen aufzustehen und zu gehen.

Stattdessen baten wir um einen neuen Krug mit Besteck, der auch gebracht wurde. Dann kam das Essen. Und mit ihm eine Wolke von grünlich schimmernden Fliegen (laut Wikipedia waren das Schmeißfliegen). Dass die Pfifferlinge auf dem Salat eiskalt waren, dass die Bedienung das Brot vergessen hatte, ja das war unschön. Aber alles trat zurück hinter dieser Wolke aus metallisch grün glänzenden, fetten Fliegen, die uns und unser Essen umschwirrten. Meine Frau kam vom Klo zurück und meinte, das habe aber auch schon sauberere Zeiten erlebt.

Also gaben wir auf und fragten die Kellnerin, ob sie sich das erklären könne. Konnte sie natürlich nicht. Der Geschäftsführer auch nicht, denn der war natürlich nicht da. Irgendwann sprang ein junger Kellner seiner Kollegin zur Seite und meinte, es sei der Moment gekommen, wo er die Kundschaft anschnauzen dürfe.

Schade, der Biergarten ist wirklich nett gelegen. Aber eine dermaßen unterirdische Performance habe ich noch nicht erlebt. Wenn ihr mich fragt, haben die ein Hygieneproblem. Und ein Serviceproblem.

Wer’s sich selbst geben mag, hier die Adresse: Zeugplatz 4, 86150 Augsburg