Im Shopping-Paradies

Dieser Aufkleber ziert in Augsburg jeden zweiten Laden. Während Amazon in Werbemotiven auf den Augsburger Straßenbahnen Aushilfskräfte für sein Logistikzentrum in Graben sucht, fürchtet der lokale Einzelhandel die Konkurrenz aus dem Web. Leicht ist es nicht für die Geschäfte in der Innenstadt – in der Fußgängerzone stehen derzeit mehrere Immobilien leer.

Dabei hat Augsburg eine schöne Innenstadt, viel schöner als die in München. Und auch an verschiedenen Geschäften herrscht kein Mangel – denkt man zunächst.

Nach wiederholten Besuchen musste ich irgendwann an ein DDR-Kaufhaus denken. Ich war mal in einem in Ost-Berlin. Das war vollgestopft mit Waren. Auf den ersten Blick hatten die alles. Nur wenn man etwas Bestimmtes suchte, dann hatten sie genau das nicht.

Ein schönes Beispiel war das Traditionsschuhhaus Leiser in der Steingasse. Kaum in Augsburg angekommen, wollte ich dort mein erstes Augsburger Paar Schuhe kaufen. Dumm nur, dass ich Schuhgröße 47 brauche, der Laden aber nur bis Größe 45 hatte. In München sind Schuhe dieser Größe kein großes Problem, allein in der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz gibt es drei Schuhläden mit passendem Angebot.

Nun ja, inzwischen ist das Schuhhaus Leiser Geschichte, im Herbst 2017 musste es schließen, der Laden steht immer noch leer. Und er ist nicht der einzige. Als ich das letzte Mal dort war, waren rund um den ehemaligen Laden von Leiser sechs Ladengeschäfte verwaist. Wohl gemerkt, wir reden von der Haupt-Fußgängerzone der drittgrößten Stadt Bayerns. Auf gut Bairisch: Es dodelt ganz gewaltig.

Woran liegt das? Zunächst einmal ganz banal am Ladenschlussgesetz. Das wird im Freistaat so streng ausgelegt wie sonst nirgends in der Republik. Bis 20 Uhr dürfen die Geschäfte geöffnet haben, auch am Samstag, am Sonntag ist Ruhe. Hin und wieder beteilige ich mich an Diskussionen darum, ob es nicht sinnvoll wäre, die Ladenöffnungszeiten auszuweiten, und ich höre immer wieder dieselben Argumente, meist vorgetragen von Frauen:

  • Warum denkt denn niemand an die vielen Verkäuferinnen? Die wollen doch auch mal zu ihrer Familie.
  • Wer es nicht schafft, bis 20 Uhr seine Einkäufe zu erledigen, der ist selber schuld. (Variante: Also ich habe es, obwohl alleinerziehend und voll berufstätig, noch immer geschafft, meine Einkäufe zu erledigen).
  • Es ist noch niemand verhungert oder verdurstet.

Tja, und dann kommt man an einer Litfaßsäule vorbei und sieht das hier:

Litfaßsäule mit Stellanzeigen von AmazonIn Graben, nur wenige Kilometer von Augsburg entfernt, unterhält Amazon eins seiner Auslieferungslager. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sucht der Online-Gigant in Augsburg händeringend nach Mitarbeitern, so sehr brummt das Geschäft. E-Commerce wächst jährlich mit acht bis zehn Prozent, während der stationäre Einzelhandel bestenfalls stagniert. In mittleren und kleinen Städten geht er sogar signifikant zurück. Der Handelsforscher Gerrit Heinemann prophezeiht diesen Städten für die Zukunft Leerstände von 40 bis 50 Prozent. Wie stark der E-Commerce zunimmt, merke ich schon abends bei der Parkplatzsuche. In Hochzoll parken nachts dermaßen viele Lieferwagen von Paketdiensten, dass sie den Anwohnern die Parkplätze wegnehmen.

Aber sind längere Ladenöffnungszeiten wirklich die Lösung? Muss man wirklich arme Verkäuferinnen dazu zwingen, 14 Stunden am Tag im Laden zu stehen?

Ich erlaube mir dazu die Sicht eines München-Pendlers. Ich verlasse halb acht Uhr morgens das Haus, spätestens um acht Uhr befinde ich mich nicht mehr im Landkreis Augsburg. Wenn es gut läuft und ich keine Überstunden machen muss, dann sitze ich gegen 17.30 Uhr wieder im Zug nach Augsburg, der ist dann so gegen 18.15 Uhr in Hochzoll. Zu dieser Zeit haben in Hochzoll nur noch die Supermärkte auf, alles andere hat zu. Dasselbe gilt für fast alle anderen Geschäfte, die sich nicht im unmittelbaren Stadtzentrum befinden. Und sogar in der Fußgängerzone in der Innenstadt nutzt längst nicht jeder Laden die schmalen Möglichkeiten des bayrischen Ladenschlussgesetzes aus.  Nehmen wir mal an, so ein Laden hat zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends offen, ich bin aber von 8 Uhr morgens bis 18.15 Uhr abends unterwegs. Wie groß ist da die Chance, dass ich bei dem Laden etwas kaufe?

Nun könnte man natürlich einwenden, dass das ein blödes Luxusproblem eines blöden Münchenpendlers ist, auf dessen Befindlichkeiten im Zweifel geschissen ist. Aber nun nehmen wir mal die in Augsburg lebende Verwaltungsangestellte. Die muss morgens um 9 im Büro sein, vorher bringt sie noch ihr Kind in die Kita. Dann arbeitet sie bis 17 Uhr, holt das Kind aus der Kita – und dann muss sie sich schon sputen, damit sie noch irgendeinen offenen Laden findet. Klar, der Aldi hat bis um 20 Uhr auf, der Rewe auch, aber der kleine Bioladen nicht, der Schreibwarenladen, der Spielzeugladen. Geschäfte wie diese gehen in Augsburg gerade reihenweise baden – wenn sie nicht schon längst baden gegangen sind.

Klar, man kann am Samstag einkaufen gehen, aber vielleicht hat man auch keine Lust, sich jeden Samstag damit zu ruinieren, durch die City zu hechten. Außerdem machen Samstags viele Läden ja schon um 13 Uhr zu, es könnten ja Kunden kommen.

Warum schließen sich nicht mal alle Läden in einem Viertel zusammen und machen einmal die Woche einen Berufstätigen-Tag? Alle machen erst nachmittags um zwei auf, dafür halten sie offen bis 20 Uhr. Das hätte unter anderem den Nebeneffekt, dass die Verkäuferinnen in diesen Läden an diesem „Berufstätigen-Tag“ vormittags das erledigen können, wozu sie unter der Woche nicht kommen, weil sie ja sonst immer auf der Arbeit sind.

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